Projekt Beschreibung

Tassilo Lantermann, 23, aus Essen

„Ich habe einfach viel vor. Das Leben ist begrenzt.“

Hallo Tassilo. Bitte stell dich doch mal vor.

Ich bin Tassilo aus Essen. Ich bin am Moltkeplatz gegenüber der Kunstwiese aufgewachsen. Nun wohne ich seit 17 Jahren in Rüttenscheid. Ich bin Künstler und baue begehbare Rauminstallationen.

Hast du eine künstlerische Ausbildung?

Ich studiere an der Kunstakademie Düsseldorf in der Bildhauerklasse von Thomas Grünfeld. Ursprünglich habe mich dort für Bühnenbild beworben, da ich in dem Bereich schon einige Eigenproduktionen und somit viel Erfahrung habe. Unter anderem habe ich für das GOP Varieté Theater einige Bühnenbilder gebaut und Regie und Lichtdesign gemacht. Von all diesen Erfahrungen profitiere ich nun bei meinen Arbeiten.

Im Endeffekt hat mich an Bühnenbildern die „Frontalatmosphärenvermittlung“, wie ich es gerne nenne, gestört. Bei meinen Arbeiten schaffe ich ganzheitlich erlebbare Raumatmosphären. Drei dieser Räume habe ich im Oktober in einer großen Einzelausstellung gezeigt.

Hast du deine Kreativität von deinen Eltern geerbt?

Meine beiden Großmütter haben gemalt. Meine Mutter ist Pianistin und mein Vater Chirurg. Da kommen Kreativität und handwerkliche Perfektion zusammen. Meine Eltern haben ein Haus hier in Rüttenscheid gekauft und renoviert. Da habe ich schon als kleiner Junge den Umgang mit jeglicher Art von Werkzeug gelernt. Handwerkliche Perfektion ist für meine Arbeit ein entscheidender Faktor, der meiner Meinung nach oft viel zu kurz kommt.

Was meinst du genau damit?

Es gibt so viele Künstler mit guten Ideen, aber oft fehlt es an handwerklichem Geschick, um diese vernünftig umsetzen zu können. Wenn ich ein bestimmtes Werkzeug oder eine spezielle Technik für eine neue Arbeit benötige, eigne ich sie mir zuerst an, bevor ich mit der Arbeit beginne. Das ist für mich die Voraussetzung. Handwerklichkeit muss selbstverständlich sein, fehlende Handwerklichkeit muss kritisiert werden. Für eine Arbeit zum Beispiel habe ich ein halbes Jahr lang Schweißen gelernt.

Was war das für ein Projekt?

Das ist die Arbeit mit dem Titel „89,663“. Es ist ein begehbarer Würfel mit einem Außengerüst aus Stahlträgern, den ich geschweißt habe. Der Würfel hat eine Kantenlänge von drei Metern und die Wände sind aus vertikalen PVC-Streifen, wie in einem Kühlhaus, gefertigt. Ich habe mir überlegt, eine Räumlichkeit zu schaffen, in der ich dem Betrachter ein starkes Objekt – eine Art Sparringspartner – entgegensetze. Dabei habe ich mich für ein aufgebrochenes, ausgenommenes Schwein entschieden, welches weiß und steril im Raum hängt.

Woher hast du das Schwein bekommen?

Das Schwein habe ich von einem Schlachthof in der Nähe der holländischen Grenze bekommen. Es war nicht ganz einfach, ein ganzes Schwein zu erhalten. Ein Metzger hier aus Essen hat mir den Kontakt vermittelt. Ich wollte unbedingt ein Bio-Schwein haben.

Das Schwein habe ich in Gips abgeformt, die Außenform im Anschluss in Einzelteile geschnitten und diese dann mit GFK auslaminiert. Die GFK-Elemente habe ich dann mit Stahldraht zu dem Schwein zusammengesetzt. Die Inspiration zu den PVC-Lappen habe ich aus einer Umkleidekabine aus München. Zehn Neonröhren beleuchten den Raum nahezu konturlos und schaffen so die Dramaturgie der Arbeit. „89,663“ war das Kaufgewicht auf der Rechnung des Schweins. Ich fand die Zahl total geil, weil es keine genaue Assoziation vorgibt, daher habe ich die Arbeit so genannt.

Gibt es eine Message, die du damit rüberbringen willst?

Nein. Es geht vielmehr um eine erlebbare Raumatmosphäre. Es ist eine reine Kompositionsarbeit.

Ich finde es jedoch spannend, wie unterschiedlich die Menschen darauf reagieren. Von Ekel und Abscheu bis hin zur Bewunderung der Ästhetik ist alles dabei. Es gibt immer wieder neue Interpretationsansätze von den Betrachtern.

Was hast du danach mit dem Schwein gemacht?

Nach dem Abformen habe ich das Schwein zerlegt und komplett verwertet. Das war mir wichtig.

Was ist dein Plan für die Zukunft?

Ich würde mich freuen, wenn ich von meinen Arbeiten leben kann. Abseits meiner künstlerischen Arbeiten plane ich schon seit längerem, einen Techno-Club zu eröffnen. Auch da habe ich genaue Vorstellung, wie die Raumatmosphäre sein soll, wie das Lichtkonzept ist und so weiter. Und es wird definitiv Kaffee geben!

Wieviel Kaffee trinkst du so?

Ich trinke um die acht Doppio täglich. Ich schlafe konsequent nur zwei bis vier Stunden pro Nacht. Ich kann nicht lange stillsitzen oder schlafen, ich habe einfach viel vor. Das Leben ist begrenzt.

Und was ist mit Alkohol?

Seit fünf Jahren trinke ich keinen Alkohol mehr. Angefangen hat es damit, dass ich einen wichtigen Menschen beim Entzug unterstützen wollte. Ich habe ihm angeboten, dass wir den Entzug gemeinsam machen. Also, dass ich auch nicht trinke, damit es ihm leichter fällt und er im Hinterkopf hat, dass da jemand ist, der das mit ihm durchzieht. Ich habe gemerkt, dass ich ohne Alkohol viel leistungsfähiger bin und bin dabei geblieben.

Du hast noch ein Unternehmen nebenbei und bist selbstständig?

Seit 2018 gibt es BigVisions, eine kleine Filmproduktionsfirma hier in Essen. Wir produzieren Werbefilme, Musikvideos und so Sachen. Damit finanziere ich mir mein Studium.

Was gefällt dir am Ruhrgebiet?

Das Ruhrgebiet ist eine sehr gut vernetzte Metropolregion. In 20 Minuten bist du in jeder größeren Stadt. Es gibt eine gute Clubszene und historisch bedingt großartige Industriearchitektur. Viele der Materialien, die ich für meine Arbeiten brauche, bekomme ich hier. Die Auswahl – sogar im Baustoffhandel – ist hier viel größer als zum Beispiel in Düsseldorf. Die Schrottplätze hier sind wie Museen.

Die Menschen hier sind eine Spur handfester und zuverlässiger, habe ich das Gefühl. Das sind einfach Kumpels.

Nach der Akademie würde ich gerne nach Wien ziehen, aber ich komme sicher zurück.

Wenn das Leben ein Comic wäre, welche Figur wärst du dann?

Ich habe keinen Bezug zu Comics.