Mara Louisa Peppmüller aus Mülheim an der Ruhr

„Ich wollte austesten, wie weit ich gehen kann, ohne dass mir jemand die Hand hält.“

Hallo Mara Louisa, stell dich bitte kurz vor!

Mein Name ist Mara Louisa Peppmüller und ich bin 21 Jahre alt. Ich habe mein Abitur gemacht und mich davor ehrenamtlich für das Friedensdorf International in Oberhausen engagiert. Meine Mutter Claudia Peppmüller arbeitet dort und reist sehr viel. Oft zum Beispiel nach Afghanistan.

Wie sieht die Arbeit deiner Mutter im Friedensdorf aus und was ist das Friedensdorf?

Das Friedensdorf setzt sich dafür ein, schwer verletzte und kranke Kinder aus Kriegs- und Krisengebieten nach Deutschland zu holen und medizinisch zu versorgen. Die Kinder werden nach ihrer Genesung wieder in ihr Heimatland und zu ihren Eltern gebracht. Meine Mutter ist dort unter anderem für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig.

Ich bin quasi dort aufgewachsen, hineingeboren kann man schon fast sagen. Meine Mutter war nach meiner Geburt noch nicht ganz aus dem Krankenhaus entlassen, da war ich schon mit ihr im Friedensdorf.

Ich habe also schon sehr früh unterschiedlichste Kulturen kennengelernt und mit , zum verschiedenen internationalen Partnern der Organisation zu tun gehabt. Beispielsweise mit Dr. Marouf, der immer mit den Kindern mitfliegt, wenn es nach Afghanistan geht. Darum wollte ich auch gut Englisch sprechen lernen, weil ich mich mit den Menschen unterhalten wollte.

Was hast du nach deinem Abitur gemacht?

Nach dem Abitur bin ich für das Friedensdorf im Rahmen eines Praktikums nach Japan geflogen. Da habe ich zum Beispiel mit der Friedensdorf-Botschafterin Chizuru Azuma an Veranstaltungen teilgenommen. Durch die Corona-Pandemie konnte ich dann erst einmal gar nicht zurück nach Deutschland. Ich musste mein Visum erweitern und habe mich dann kurzerhand dazu entschlossen, in Japan ein Studium für „International Business Management“ zu beginnen.

Lebst du dort bei einer Gastfamilie?

Nein, ich lebe in einem Sharehouse in Tokio, was vergleichbar mit einer Jugendherberge ist.

Ich wohne im Stadtteil Nerima und mein Zimmer ist quasi wie ein Würfel, alle Seiten sind so lang wie mein Bett und dafür zahle ich umgerechnet etwa 600 Euro Miete im Monat.

Wie kamst du auf die Idee, nach Tokio zu gehen?

Die Idee, nach Tokio zu gehen, kam durch die Arbeit meiner Mutter. Wir haben viele Japaner durch das Friedensdorf kennengelernt, da sie auch Hauptspender sind und viele Ehrenamtliche haben, die für ein Auslandsjahr nach Deutschland kommen und für Kost und Logis arbeiten. Das fand ich interessant, denn die konnten ja kein Deutsch und da dachte ich mir: Wenn die das können, schaff ich das auch!

Taeko, eine Japanerin, die im Friedensdorf in Deutschland arbeitet, ist für die Kommunikation nach Japan zuständig. Ich kenne sie seit ich vier Jahre alt bin, und sie hat mir immer wieder von Japan erzählt. Damals dachte ich: Ich war noch nie in Asien, würde aber mal gerne diese ganz andere Kultur erleben. Bis zu einem gewissen Punkt sind Europäer, Europäer. Die Sprachen sind anders, gewisse Macken sind anders, aber irgendwo sind wir schon alle gleich.

Japan hat hingegen komplett andere Traditionen als Deutschland. Ich bin eigentlich ohne deutsche Traditionen groß geworden. Das liegt sicher daran, dass meine Mutter sich so stark für andere Kulturen interessiert.

Ich wollte dann einfach mal raus aus diesem Trott hier in Deutschland. Asien war das, was ich für mich alleine erreichen wollte. Ich wollte austesten, wie weit ich gehen kann, ohne dass mir jemand die Hand hält.

Und warum bist du jetzt gerade wieder in Deutschland?

Aktuell habe ich einen Monat Semesterferien. Der Zeitraum ist deshalb so kurz, da ich drei Semester im Jahr an der Lakeland University Japan präsent sein muss. Außerdem freue ich mich, meine Freunde und Familie mal wiederzusehen.

Hattest du denn Heimweh in der Zeit, die du bis jetzt in Japan warst?

Ne, absolut nicht. Ab und zu vielleicht, wegen meiner Freunde und Familie. Aber ich muss einfach sagen, in Deutschland ist die Zeit stehen geblieben. Ich komme nach Hause und alles ist noch so wie früher. Ich habe es auf jeden Fall nicht eine Minute bereut, diese Reise anzutreten. Meine Mutter hat mich immer wieder gefragt: „Willst du das wirklich? Bleib doch lieber hier!“ Aber die Trennung von ihr war gar nicht so schlimm, sie ist ja auch viel im Ausland und ruft mich oft an. Manchmal auch, wenn ich gerade im Unterricht sitze. Sie verpeilt einfach die große Zeitverschiebung. Wir funktionieren super, egal in welchem Land der andere sich gerade befindet.

Was hast du in Japan schon alles gesehen?

Ich war viel im ländlichen Japan unterwegs: Sendai, das liegt im Norden, aber auch viel im Süden, Osaka, Nara, Kobe, Kyoto und auch rund um Chichibu und Nikko, was ja auch dafür berühmt ist, sehr traditionell zu sein. Den Fuji habe ich vom Fahrrad aus gesehen, als ich eine 250 Kilometer lange Fahrradtour über drei Tage gemacht habe – von Tokio nach Kamakura, dann nach Hakone und von da aus wieder nach Tokio. Von Hakone nach Tokio sind es über 100 Kilometer. Ich war auch in Fukuoka, Kumamoto, Hiroshima, Nagasaki und Okinawa. Was ich auch sehr interessant fand, waren die US-Militärbasen. Die Hälfte von Okinawa ist einfach Militär. Wir haben solche Basen in Deutschland ja auch, aber davon sieht man ja nichts. Das fand ich dann schon heftig zu sehen.

Du fällst in Japan sicher auf, oder?

Ja klar, ich werde schon oft angeguckt, weil ich ja absolut weiß bin. Also wie untot, selbst für eine Deutsche. In Japan gelte ich dadurch trotzdem als hübsch. Hier in Deutschland krempelt man sich seine Ärmel hoch, wenn die Sonne scheint, in Japan zieht man sie runter. Für Frauen dort ist es ja angesehener, je heller man ist. Bei Männern ist das eher eine persönliche Sache für sie selbst. Mein Freund ist auch eher dunkelhäutig für einen Japaner.

Woher kommt dein Freund?

Mein Freund kommt aus Fukushima. Sein Vater lebt auch noch da, weil er eine Firma hat und immer zwischen Tokio und Fukushima pendelt. Ich bin da einmal auf dem Weg nach Sendai durch die Fukushima Präfektur gefahren, aber habe das AKW nicht direkt gesehen.

Merkst du denn Auswirkungen aufgrund des Unfalls in Fukushima?

Nicht direkt. Aber an meiner Uni, eine amerikanische Uni in Japan, sind gerade aufgrund der Einreisebeschränkungen durch Corona 90 Prozent meiner Kommilitonen Japaner. Und es kommen vermehrt Diskussionen über erneuerbare Energien auf. Die Menschen sind seit diesem Vorfall dafür offener. Seit Fukushima wurden die Sicherheitsprotokolle gezielt aktualisiert, damit so etwas nicht mehr passieren kann. Ich habe auch in einem Modul im Studium gelernt, dass es nur etwa zehn Kraftwerke in Japan gibt, was mich überrascht hat, denn der Stereotyp ist schon, dass es die überall gibt. Bei den Nachrichten damals vom Unglück hat ja jeder gedacht: Japan geht jetzt unter. Auch meine Mutter denkt, Fukushima wäre quasi „nebenan“, dabei bin ich vier Autostunden davon entfernt.

Man strebt ja auch an, die evakuierten Menschen wieder dorthin zu bringen, aber da möchte natürlich keiner hin zurück. Die Regierung hat für die, die dort wohnen, Programme etabliert, um das Land wieder zu beleben. Die Häuser dort stehen seit über zehn Jahren leer. Mein Freund hatte zum zehnten Jahrestag auch etwas fürs Friedensdorf geschrieben, auf japanisch. Er war damals zwölf Jahre alt und gerade in der Schule, als er das alles erlebt hat. Das beschäftigt ihn auch immer noch. Wir hatten vor nicht allzu langer Zeit ein ähnlich heftiges Erdbeben, in Fukushima war es damals Stärke 7 und in Tokio war es Stärke 6. Das war auch somit das stärkste Erdbeben, was ich mitbekommen habe. Ich habe mir aber keine Sorgen gemacht, denn ich vertraue da schon in die Bauweise der Japaner. In Deutschland wäre das natürlich was anderes. Japaner sind aber nun mal krisenerprobt und bereiten sich vor: Die Feuerwehr bindet die Bäume fest und so weiter. Meine Mutter sagt mir dann immer, dass sie sich Sorgen macht, weil es in Japan ja so viele Erdbeben gibt. Als ich dort ankam, gab es gerade den heftigsten Taifun seit zehn Jahren. Den hab ich aber einfach verschlafen …

Hat dir dein Freund den Kimono geschenkt?

Das ist ein Yukata. Den hat mir die Ehefrau eines Arbeitskollegen zum Geburtstag geschenkt. Neben meinem Studium arbeite ich in einem Logistikzentrum für Lebensmittel in Saitama. Das ist ein Knochenjob, da ich nicht nur stundenlang auf den Beinen bin und körperlich hart arbeiten muss, außerdem fahre ich mit dem Fahrrad 16 km hin und zurück zur Arbeit.

Das Besondere an diesem Geschenk ist nicht nur das schöne Gewand, sondern auch, dass es handgenäht wurde und normalerweise in Japan nur innerhalb der eigenen Familie weitergeben wird.

Wie planst du deine Zukunft?

Ich möchte schon gerne erst einmal in Japan bleiben. Mein Freund und ich wollen auch mal zusammenziehen, wir sind jetzt schon knapp seit eineinhalb Jahren zusammen. Und dann mal schauen, wo der Weg hinführt! Wenn ich einen guten Job in Tokio finde, würde ich das vermutlich erst einmal annehmen. Dazu kommt, dass ich mich mit der Familie meines Freundes sehr gut verstehe. Seine Mutter bemüht sich auch sehr, sie versteht mein Englisch und ich ein wenig Japanisch von ihr.

Durch die Arbeit im Friedensdorf habe ich gemerkt: Ich möchte Kindern helfen. Ich kann zwar nicht im Pflegebereich arbeiten, das habe ich ausprobiert und es ist nichts für mich, aber ich möchte was bewegen in meinem Leben. Ich kann mir auch vorstellen, wenn ich die japanische Sprache besser beherrsche, das Friedensdorf-Büro in Japan zu unterstützen. Jetzt studiere ich zwar Business Management, aber nur zur Sicherheit, dass ich, egal was ich später machen möchte, ob es jetzt im Ausland oder in Deutschland ist, etwas damit anfangen kann. Das Friedensdorf bleibt aber auf jeden Fall immer ein Teil von mir.

Gibt es etwas, was du am Ruhrgebiet vermisst oder gar nicht vermisst?

Diese Mecker-Mentalität in Deutschland vermisse ich überhaupt nicht. Vom Ruhrgebiet vermisse ich dieses „Leck mich am Arsch, ich mach das jetzt einfach“. Das ist vielleicht auch immer noch drin. In Japan schätze ich sehr die Höflichkeit, die einem entgegengebracht wird. Ich habe durch diese Gesellschaft auch viel Diplomatie kennengelernt. Dort gilt wie im Ruhrgebiet: Alle für einen und einer für alle! Allerdings vermeiden die Japaner die direkte negative Konfrontation. Nicht so wie ein Ruhrpottler: Joa, das ist mir scheißegal! Du kannst grün, blau oder pink aussehen, das juckt mich nicht. Das habe ich aus dem Ruhrpott mitgenommen: Persönlichkeit zählt. Wenn du ‘n Arsch bist, bist du ‘n Arsch und wenn nicht, dann nicht. Das ist mein Ruhrpott.

Zum Schluss: Wenn das Leben ein Comic wäre, welche Figur wärst du dann?

Schwierige Frage, vielleicht Black Widow? Immer im Hintergrund, aber immer da! Ich wusste ja auch in Japan immer, was in Deutschland abgeht, hab meine 10.000 Quellen, wie meine Mutter auch. Mein Freund sagt immer, ich bin wie Chip und Chap. Ich muss immer für alles einen Plan und mehrere Schritte im Voraus parat haben.