Bodo Schäfersküpper, 65, aus Essen

„Alt werden ist nichts für Feiglinge.“

Hallo Bodo. Stell dich bitte kurz vor.

Ich heiße Bodo Schäfersküpper, 65 Jahre alt, seit vier Jahren Pensionär und war vorher 44 Jahre lang Polizeibeamter hier in Essen. Davon habe ich 27 Jahre lang beim Polizeinotruf gearbeitet. Die letzten 11 Jahre war ich beim Bezirksdienst in Kupferdreh und zuständig für die Bereiche Kupferdreh und Byfang. Da war ich Dorf-Sheriff, und das hat mir viel Spaß gemacht. Vorher zwar auch, aber irgendwann musste ich da oben aus der Leitstelle raus. Ich hatte keine Lust mehr auf Wechseldienst.

Bist du verheiratet? Kinder?

Ich bin verheiratet und habe drei Kinder. Keine Enkelkinder. Ich bin in Essen geboren, habe hier gearbeitet und will auch hierbleiben. Wir wohnen seit 36 Jahren in unserer Wohnung in Borbeck und fühlen uns dort sehr wohl.

Meine Frau und ich haben einen Hund: Titus. Der ist schon ein richtiger Brummer mit seinen 42 Kilo. Er ist an allem interessiert, nur nicht an dem, was man ihm sagt! Nein – er ist schon ein Guter. Jung und wild, aber er wird mit seinen drei Jahren langsam ruhiger … Er passt halt auf. Sein Vater ist ein Großer Schweizer Sennenhund. Ganz Beschützer. Unser vorheriger Hund – Othello – war die Ruhe selbst. Er war ein Labrador-Golden-Retriever-Mischling. Der war der perfekte Hund.

Nochmal zu deinem damaligen Beruf. Du hast in der Notrufzentrale gearbeitet. Da sind doch bestimmt viele tragische, lustige aber auch skurrile Sachen passiert, oder?

Ja. Alles. Ich habe hochgerechnet etwa eine Million Telefonate geführt. Von der zugelaufenen Schildkröte bis zum Flugzeugabsturz habe ich alles gehabt. Der Flugzeugabsturz beispielsweise damals mit 21 Toten in Kettwig. Und beim Flugzeugabsturz am Rhein-Ruhr-Zentrum war ich auch telefonisch involviert. Da gab es zwei Todesopfer.

Die zugelaufene Schildkröte ist mir aber auch gut in Erinnerung geblieben. Ich habe die Anruferin gebeten, mal bei den Nachbarn zu fragen – vielleicht ist sie ja über den Zaun gesprungen. Sie hat anscheinend den Besitzer ausfindig machen können, denn ein weiterer Anruf ist ausgeblieben.

Ganz schlimm war ein Anruf einer Familie, die aus einer Wohnung über einer in Flammen stehenden Etage anrief. Die haben alle ins Telefon geschrien und waren natürlich in höchster Not. Ich habe alles, was ging, losgeschickt und ihnen gesagt, dass sie die Fenster schließen und von den Fenstern weggehen sollen. Das Beruhigen spielt gerade in solchen Situationen eine wichtige Rolle.

Wir hatten auch mal einen ähnlichen Fall, bei dem die Person wie von Sinnen und vor lauter Panik aus dem Fenster gesprungen ist. Vor einem anderen Fenster seiner Wohnung wäre sogar ein Vorbau gewesen, auf den er hätte draufklettern können, um dort auf die Feuerwehr zu warten. Aber die Panik hat klares Denken wohl nicht möglich gemacht und er ist gesprungen und hat sich beim Aufkommen an einem Verkehrsschild auf dem Gehweg die Halsschlagader durchtrennt und ist verblutet.

Schrecklich!
Du sprichst etwas undeutlich … wie kommt das?

Genau. Ich nuschele zwischendurch. Das liegt an meinem Nagel im Kopf. Das ist eine Nebenwirkung. Das habe ich früher natürlich nicht gemacht. Auf der Leistelle musste man immer klar und deutlich sprechen. Das jetzt ist eine Folge der OP, die ich hatte.

Warum hast du einen Nagel im Kopf? Was ist passiert?

Ich hatte im September 2018 meinen letzten Monat im Beruf vor der Pension. In diesem Monat fing meine Hand, als ich zu Hause ganz ruhig auf der Couch saß, an zu zittern. Ich habe gedacht „Was ist das denn!?“ und meine Frau hat mich auch schnell darauf angesprochen. Das passierte immer wieder und dann habe ich monatelang verschiedene Ärzte aufgesucht. Alles in allem dauerte es gut zwei Jahre, bis bestätigt war, dass es Parkinson ist.

Warum so lange? Wer hat das bestätigt?

Das Zittern nahm immer weiter zu. Es könnte Parkinson sein, aber muss nicht. 2021 bin ich schließlich auf Anraten meiner Neurologin die Paracelsus-Elena-Klinik in Kassel aufgesucht. Das ist Deutschlands älteste Parkinson-Klinik. Dort war ich bei Prof. Dr. Trenkwalder. Dort wurde ich vier Tage lang durchgecheckt und habe die Diagnose Parkinson bekommen.

Die Ärztin sagte, dass ich laut ihrer Ansicht für die Tiefe Hirnstimulation in Frage komme. Dann habe ich mich mit dem Thema Hirnschrittmacher – wie man auch häufig sagt – beschäftigt. Ich habe mir besonders ein Video sehr oft angesehen, um mich zu motivieren. Das ist ein Video von einem Parkinson-Patienten, der diese Operation hat machen lassen. Es zeigt, wie er sich mit eingeschaltetem Gerät bewegen kann und ohne. Ohne nur am Rollator und mit Einschalten der Tiefen Hirnstimulation komplett auf eigenen Beinen. Das wurde mein Motivations-Video.

Die Klinik in Kassel arbeitet operativ mit Göttingen zusammen und das war mir für die regelmäßigen Nachsorgetermine und anschließenden Kontrollen zu weit. Mir wurde dann für die OP das Uni-Klinikum Düsseldorf und Herr Prof. Dr. Schnitzler empfohlen. Dort habe ich mich dann angemeldet und musste alle möglichen Untersuchungen durchlaufen. Für die Durchführbarkeit der Operation müssen bestimmte körperliche Voraussetzungen gegeben sein, die alle geprüft wurden. Das ganze Procedere zog sich über mehrere Monate, sowohl mit ambulanten als auch kurzfristigen stationären Aufenthalten. Zum Glück kam ich für die Operation in Frage! Leider musste der Termin wegen der Corona-Pandemie mehrmals verschoben werden. Die Krankenhäuser waren einfach überlastet. Schlussendlich bin ich dann am 24.02.2022 operiert worden. Das war der Tag, an dem Putin einmarschiert ist – ich wurde wach mit Krieg.

Was entscheidet darüber, ob jemand für einen Hirnschrittmacher in Frage kommt?

Es gibt Einschluss- und Ausschlusskriterien. Ausschlusskriterien sind beispielsweise Suizidgefährdung und Depressionen. Unbedingte Voraussetzung für die Operation ist die anatomische Machbarkeit. Jedes Gehirn ist anders und der Operateur muss an die Zielregion herankommen können. Weiterhin muss die geistige und körperliche Leistungsfähigkeit vorhanden sein, um mit der Technik umzugehen.

Was genau wurde bei der OP gemacht?

Im Vorhinein wurde alles genau vermessen. Es wurden zwei Löcher in meinen Kopf gebohrt – ich sag mal 8 mm Schlagbohrer – und es wurden zwei Kabel tief in meinem Gehirn platziert, an deren Ende jeweils fünf etwa 3 mm große Elektroden sitzen. Die Elektroden können im Nachhinein in der Strahlungsrichtung und -intensität noch ausgerichtet und eingestellt werden.

Die erste OP dauerte 6,5 Stunden. Diese Operationsmethode gibt es schon seit über 25 Jahren. Sie ist immer weiter verfeinert worden.

Wieso erfolgte mehr als eine Operation?

Ich habe an einer Studie teilgenommen. Dazu war es wichtig, dass die beiden Kabel mit den Elektroden, die während der ersten OP in mein Gehirn gelegt wurden, zugänglich waren.

Am Tag nach der OP wurden meine Hirnströme gemessen, als ich kleinere Aufgaben machen musste. Einen Tag später wurde der Schrittmacher auf Höhe des Schlüsselbeins eingesetzt und mit den Elektroden verkabelt. Die Kabel verlaufen entlang der Halsschlagader unter der Haut zum Schrittmacher. Diese Operation hat drei Stunden gedauert. Eingeschaltet wurde das Gerät danach nicht sofort, da sich durch die Operation Sekrete bilden. Nach zehn Tagen wurde das Gerät dann aktiviert.

Hast du direkt nach der Operation eine Verbesserung gemerkt?

Zunächst konnte nur eine grobe erste Einstellung der Elektroden erfolgen, da das Gehirn aufgrund der Operation noch Schwellungen hatte. Die Feineinstellung wurde im Krankenhaus erst vier Wochen später gemacht.

Und wie wird das eingestellt?

Hiermit: Das ist meine Fernbedienung – beziehungsweise ein Handy.

Wie jetzt? Mit einer App??

Ja. Mit einer App. Die wurde von Apple und der Firma Abbott entwickelt. Es gibt ungefähr eine Million verschiedene Einstellmöglichkeiten. In meiner nächsten Untersuchung wird es darum gehen, eine Einstellung zu finden, die das Zittern weiterhin unterdrückt, aber meine Sprache wieder klarer werden lässt.

Kleinere Veränderungen kann ich mit der App selbst vornehmen. Ich zeige euch mal, wie meine Hand zittert, wenn ich das Gerät ausstelle. So. Jetzt ist es aus. Das ist einmal ein komisches Gefühl im Kopf, wie wenn der Strom weggeht. Und jetzt einige Sekunden warten – da ist das Zittern. Das ist immer da. Nur nicht nachts beim Schlafen. So jetzt schalte ich das Gerät wieder ein, weil mich das Zittern nervt. Und: Die Hände sind wieder ruhig!

Wären die Symptome von Parkinson ohne diese Operation bei dir noch schlimmer geworden?

Ja. Die Krankheit bleibt bis zum Lebensende und die Symptome werden immer stärker. Ich kann zum Beispiel nicht mehr schnell laufen. Ich habe oft Angst, dass ich falle, was aber zum Glück noch nicht passiert ist. Auch mich umzudrehen, dauert bei mir länger als früher.

Darfst du Auto fahren?

Ja. Nach der OP durfte ich drei Monate nicht fahren, aber mittlerweile habe ich von den Ärzten wieder das „Go“. Das war eine Vorsichtsmaßnahme, falls neurologische Auffälligkeiten vorkommen sollten. Aber das ist bei mir nicht vorgekommen.

Eine Studie hat gezeigt, dass man nach der OP sogar besser Auto fahren kann, weil man vorsichtiger ist.

Ich würde gerne nochmal auf die ersten Symptome zurückkommen. Bist du gleich beim ersten Zittern deiner Hand zum Arzt gegangen oder hast du erstmal abgewartet?

Ich bin sofort zum Arzt gegangen. Wobei die Krankheit an sich wahrscheinlich schon früher angefangen hat. In dem Alter, in dem ich da war, fällt es bei den meisten Patienten auf. Zwischen 59 und 61. Ich war 61. Bei Vielen fängt es zum Beispiel damit an, dass sie plötzlich nicht mehr riechen können. Das ist mir bei mir auch aufgefallen. Manche Gerüche konnte ich schlecht bis gar nicht mehr wahrnehmen. Ein Bekannter erwähnte letztens beiläufig in einem Gespräch, dass er eh nichts mehr rieche. „Dazu kann ich dir gleich mal was unter vier Augen sagen.“ Für mich war das ein Warnsignal. Ich habe ihn gebeten, darauf zu achten, ob mehr Symptome dazu kommen und habe ihm vom Beginn meiner Erkrankung erzählt. Der Verlust von Geruchs- und/oder Geschmackssinn ist häufig Vorbote von Parkinson.

Ich zittere auch jetzt noch zwischendurch. Jetzt zum Beispiel bin ich ein bisschen aufgeregt und da kommt das vor.

Wie wurde festgestellt, dass bei dir Parkinson vorliegt?

Bewiesen wurde die Diagnose in einer Szintigraphie vom Gehirn. Man kann dort eine schwarze Substanz feststellen. Parkinson ist im Grunde ein Dopamin-Mangel. Ein Botenstoff des Körpers, der Bewegungsabläufe steuert. Jeder Muskel wird vom Gehirn pro Sekunde achtmal auf Funktionstüchtigkeit überprüft. Wenn Dopamin zu gering vorhanden ist, kommt es zu Störungen. Der Mangel beginnt oft Jahre vorher und der Körper produziert über einen längeren Zeitraum zu wenig Dopamin.
Ich nehme jetzt auch noch Tabletten. Eine rein medikamentöse Einstellung war bei mir jedoch nicht möglich.

Ich habe letztens im Radio einen Bericht gehört, in dem ein Fachmann zum Thema Parkinson gesprochen hat. Er sagte, dass er davon ausgehe, dass die Krankheit in zehn Jahren heilbar sein wird. Es wird in dem Bereich intensiv geforscht. Hoffentlich ist es für mich rechtzeitig.

Wie hast du dich gefühlt, als deine Diagnose klar war und wie hat dein Umfeld reagiert?

Als Parkinson diagnostiziert wurde, sicher da denkste erstmal „Scheiße!“. Aber: Alt werden ist nichts für Feiglinge.

Sehr, sehr viele haben mit mir mitgefühlt und nach mir gefragt. Als die OP war haben viele angerufen, hat mir meine Frau gesagt. Der große Vorteil ist, dass ich bei den ganzen Voruntersuchungen so auf den Kopf gestellt wurde, dass ich weiß, dass ich ansonsten gesund bin.

War für dich klar, dass du die OP machen lässt?

Ja. Ich habe alles dazu gelesen, was ich finden konnte und mich sehr dafür interessiert. Die Alternative wäre in wenigen Jahren wohl ein Leben im Rollstuhl gewesen. Ich bin guter Dinge gewesen und hatte vor der OP überhaupt keine Angst. Die Schwester kam vorher und hat mir den Kopf rasiert. In der Nacht vor der Operation habe ich gut geschlafen. Auch morgens nach dem Abholen war ich die Ruhe selbst. Und im Vorgespräch habe ich darum gebeten, dass während der Operation Fotos gemacht werden. Das hat Frau Dr. Sylaj, meine Ansprechpartnerin – eine sehr nette Ärztin – versprochen und gehalten. Mich hat interessiert, wie das Gestell um den Kopf aussieht, um jede Bewegung auszuschließen und ich habe auch ein Foto davon, als mir die Elektroden in den Kopf gelegt wurden.

Als ich am Tag der OP abgeholt und auf den OP-Tisch gelegt wurde, kam meine Anästhesistin, um den Zugang für die Narkose zu legen. „Denken Sie an was Schönes.“ – „Ja, ich denke an unseren Garten. Da ist es immer schön.“ Dann war ich auch schon weg und bin erst im Aufwachraum wieder zu mir gekommen. Richtig nervig war, dass ich zwar mein Handy dabei hatte, aber nicht richtig sehen konnte. Mir wurde für die OP Augensalbe in die Augen getan, damit die im klimatisierten OP-Saal nicht austrocknen während der langen Operation. Nach zwei Stunden konnte ich wieder sehen und zumindest allen schreiben „Alles ok. Ich bin noch da.“

Was konntest du vor der OP nicht mehr und kannst es jetzt wieder?

Angeln. Das war mit dem Zittern und dem Aufbau mit den filigranen kleinen Teilen schwierig. Essen und trinken ging bei mir noch. Es wäre aber wohl zunehmend herausfordernder geworden. Irgendwann bleibt auf einem Löffel nichts mehr drauf, weil das Zittern zu stark wird – aber da nimmt man dann von ab, hab ich gehört.

Gehst du wieder regelmäßig angeln?

Ja. Sowohl hier in der Umgebung als auch in Dänemark und Schweden mit einer festen Truppe. Ein 95 cm Hecht in Schweden und eine 6 kg Lachsforelle in Dänemark waren bisher die größten Fänge. Wir haben im Garten einen Räucherofen und räuchern die Fische dann hier. Sehr lecker.

Mein ehemaliger Chef hatte mit seinem Sohn mal in der Havel einen 1,80 m Wels an der Angel, der das ganze Boot mitgezogen und hin- und hergeschaukelt hat. Die Leute am Ufer: „Ohje – und hier gehen wir sonst schwimmen!?“ Sie haben den Wels aber wieder freigelassen.

Warum lebst du im Ruhrgebiet? Was hält dich hier? Was gefällt dir und was nicht so?

Die Vielfältigkeit ist toll und ich bin ja auch ein echtes Kind des Ruhrgebiets. Ich bin in Borbeck geboren und aufgewachsen. Ich bin nur kurz weg gewesen zur Polizeischule und für ein halbes Jahr in Düsseldorf.

In Essen habe ich meine Frau kennengelernt und wir haben 1978 geheiratet und in Holsterhausen gewohnt. 1982 kam unsere Tochter zur Welt und als Mara 3 Jahre alt war, sind wir zurück nach Borbeck gezogen. Wir sind in eine ehemalige Krupp-Siedlung gezogen. Dort fühlen wir uns immer noch sehr wohl. Wir haben eine sehr nette Nachbarschaft. Es ist fast dörflich in unserer Straße. Wenn man aus dem Urlaub kommt, wird man oft zum Essen eingeladen, damit man nicht noch einkaufen und kochen muss. Es ist ein sehr schönes Geben und Nehmen. Wir haben sehr viel Grün um uns herum und können mit dem Hund einfach raus.

Wenn das Leben ein Comic wäre, welche Figur wärst du?

Wastl – der starke Mann mit dem goldenen Herzen – ein alter Marvel-Comic-Held.