Project Description

Hennes Bender, 51, aus Bochum

„Diese Welt lebt von sehr viel Unaufrichtigkeit, Gelaber und Fake. Die Leute sagen nicht, was sie denken.“

Hallo Hennes, bitte stell dich kurz vor.

Ich bin Hennes Bender, hauptberuflich Komiker, Asterix-Übersetzer, ein bisschen Musiker, ein bisschen dies und das. Ich versuche, mich nicht zu langweilen.

Dafür bist du bestimmt viel unterwegs …

Wenn ich im Herbst wieder auf Tour gehe, graut es mir schon wieder vor der ganzen Fahrerei. Früher mochte ich das, da war man mal ein paar Tage in Hamburg, ein paar Tage in Berlin oder in München. Aber jetzt geht mir das alles so anner Ritze vorbei, ich will einfach nur noch abends nach Hause. Morgens im eigenen Bett aufzuwachen, ist für mich das größte.

Versuchst du dann, eher keine Shows in zu großer Entfernung zu spielen?

Es kommt immer darauf an, ob man vielleicht schon eher anreisen kann und Termine kombiniert kriegt. Oftmals fährt man irgendwo hin, hat einen Auftritt und muss dann wieder zurück. Fliegen will ich auch nicht mehr, da klopf ich auf Holz, ich bin dieses Jahr weder geflogen noch mit einem Kreuzfahrtschiff gefahren. Meine Umweltbilanz ist also vorbildlich.

Dein Reisegepäck ist bestimmt auch überschaubar.

Das neue Programm ist komplett ohne Technik, ohne Einspieler, nur ich und das Mikro. Nicht mehr dieses ganze Brimborium drumherum. Das ist doch lächerlich. Wenn man als Comedian am Ende noch eine Pyroshow braucht, hat man irgendwas falsch gemacht.

Wie ist es dazu gekommen, dass du die Asterix-Bücher übersetzt hast?

Na, ich wurde gefragt. Ich bin immer großer Asterix-Fan gewesen, aber irgendwann ist das eingeschlafen. Bei der Anfrage dann dachte ich mir aber: Bevor das jemand anderes schlechter macht, mach ich’s lieber selbst. Und dann hab ich mich kopfüber in dieses Asterix-Universum gestürzt und bin seitdem auch nicht mehr rausgekommen.

Du wohnst in Bochum, wo bist du aufgewachsen?

Ich komme aus Bochum-Laer, ich bin tatsächlich im Schatten des Opelwerks aufgewachsen. Meine Eltern sind wegen Opel aus Rüsselsheim nach Bochum gezogen, 1988 sind sie zurück nach Rüsselsheim gegangen. Ich bin in Bochum geblieben, habe dort studiert und bin eigentlich seit 51 Jahren nicht weggekommen.

Wie bist du in Bochum verankert?

Interessant ist eigentlich, dass ich in Bochum gar nichts mehr mache. Ich lebe da nur noch. Ich werde zwar immer gefragt, ob ich mal wieder da auftreten will, aber ich sage immer ab. In Bochum habe ich immer das Gefühl, nur vor Leuten zu spielen, die ich kenne. Das letzte Mal, als ich dort gespielt habe, saßen in den ersten zwei Reihen nur Freunde. Vor Freunden zu spielen ist wie wenn man Sonntagsnammittags bei Kaffee und Kuchen vor den Tanten ein Gedicht aufsagen muss! Furchtbar. Das war einer der unangenehmsten Auftritte für mich. Nur in bekannte Gesichter zu sehen, das ist irgendwie nicht gut. Da hab ich gesagt, ich bleibe in Bochum Privatier und fahre lieber durch ganz Deutschland, aber ich mach euch nicht mehr den Larry hier.

Was kannst du besonders gut?

Zeichnen kann ich gut. Da müsste ich mich mal mehr reinhängen, aber ich habe einfach so viel um die Ohren. Ich würde gerne auch mal was anderes als Asterix übersetzen, auch was aus dem Englischen. Es gibt so vieles, was ich irgendwann mal machen möchte, wenn ich die Zeit und Muße dazu habe. Nur im Moment muss ich noch Geld verdienen und kann mich nicht mit was ganz Neuem beschäftigen, wovon ich gar nicht weiß, wo das hinführen würde. Obwohl das ja eigentlich der Reiz als Freiberufler ist. Da kann man ja ausprobieren, was man will. Mit Asterix war das ja auch so. Man wusste ja gar nicht, wie das ankommt.

Hast du eine Bucket-Liste? Gibt es irgendwas, was du unbedingt mal machen möchtest?

Meine Bucket-Liste wird immer dünner. Ich war eigentlich schon überall, wo ich hinwollte. Bei einem guten Animationsfilm zu synchronisieren fänd ich gut. Bei einem Die drei ???-Hörspiel mitzusprechen fänd ich auch gut. Ich glaub, ich würde das sehr bereichern. Ich gehe gerne zu Konzerten und Veranstaltungsorte wären noch was für meine Bucket-Liste! Ins Paradiso in Amsterdam oder die Royal Albert Hall will ich unbedingt mal. Vor ein paar Wochen war ich das erste mal in den Hansa-Studios in Berlin im Meistersaal, dort wo „Heroes” von David Bowie aufgenommen wurde. Sowas muss ich aber total für mich alleine machen, da will ich keinen neben mir haben.

Spielst du auch selbst ein Instrument?

Ich spiele ein bisschen Gitarre und Klavier. Ich hab mir sogar ein Schlagzeug gekauft, weil ich wissen wollte, wie das geht.

Hast du Vorbilder im Musikbereich?

Das ändert sich ständig. Ich bin großer Bowie- und Queen-Fan. Ich liebe Springsteen. Ich versuche auch die Künstler, die noch live unterwegs sind, zu sehen. Dann bekommt man seine Helden noch mit, ab einem gewissen Alter wird das nichts mehr, weil die ja einfach nicht mehr da sind. Das blöde ist, dass es bei Rockshows mittlerweile mehr um die Projektion und die Show als die Musik geht. Das sieht für mich alles aus wie Cranger Kirmes, das beeindruckt mich nicht.

Was braucht eine guter Gig für dich?

Ich habe neulich mal bei einer Band für ein Lied Schlagzeug gespielt und war nachher echt fertig. Wenn man das Prinzip rafft – Bass, Snare, Tom, Badammbamm … – dann ist das einfach und wird auch schnell langweilig. Aber wenn man dann die Breaks füllt, dann tun die Arme echt weh. Wenn ich sowas mache, habe ich danach einen ganz anderen Respekt vor Musikern und auch einen ganz anderen Zugang zur Musik, weil ich merke, wie es eigentlich geht. Wenn ich mir jetzt aber beispielsweise Bochum Total angucke, da hat fast jeder, der mit einer Gitarre auf die Bühne geht, eine Loopstation und irgendwelche Einspieler dabei. Und ich stehe dann immer da und rufe „Lame! Spiel mal Gitarre”!

Du machst auch einen Podcast. Mit wem und worum geht’s?

Seit ein paar Jahren mache ich einen Podcast mit Torsten Sträter und Gerry Streberg und wir reden einfach. Eigentlich war geplant, einen Podcast über Filme, Videospiele und alles, was wir so medial konsumieren, zu machen. Es ist dabei aber immer mehr zu einem Film- und Serienpodcast geworden. Da laden wir uns bekannte Leute ein und dann wird zwei Stunden ohne Kompromisse abgenerdet. Da interessiert uns auch nicht, ob das Thema irgendjemand kennt, das macht so richtig Spaß.

Was sind deine Pläne für dieses Jahr?

Ende September ist die Premiere für mein neues Programm. Derzeit übersetze ich schon den übernächsten Asterix, der nächstes Jahr rauskommen soll. Im Herbst mache ich noch ein Kinderliederprogramm zusammen mit meiner Frau, sie hat die Songs gemacht und ich unterstütze sie musikalisch. Das ist etwas, was ich sehr liebe.

Gab es in deinem Leben auch mal etwas, das schief gegangen ist?

Es gab eher ein paar Sachen, die einfach nicht passiert sind. Ich habe nie eine eigene Fernsehshow gekriegt, nie eine Fernsehkarriere gemacht. Im Nachhinein bin ich da auch gar nicht traurig drüber. Diese Welt lebt von sehr viel Unaufrichtigkeit, Gelaber und Fake. Die Leute sagen nicht, was sie denken und da bin ich sehr froh, dass dieser Kelch an mir vorübergegangen ist.

Was würdest du gern an deinem Alltag ändern?

Ich muss in diesem Leben unbedingt noch lernen vernünftig mit Alkohol umzugehen. Vor ein paar Jahren hatte ich einen alkoholbedingten Gichtanfall im Fuss. Das war ein echter Warnschuss. Ist seitdem auch nicht mehr vorgekommen. Ich trinke gerne mal einen, aber oft eben auch zu viel. Das ist mit zwanzig/dreissig Jahren OK, aber mit fünfzig ist sowas peinlich. Mein Körper verträgt eben nicht viel und das will mein Kopp manchmal nicht einsehen. Aber dieses Jahr war ein gutes Jahr in dieser Hinsicht. Ich war zwar ein paar Mal verkatert, aber ich hab nicht gegöbelt. Das ist schon ein Erfolg.

Bist du eigentlich Fußball-Fan?

Nee, gar nicht. Wenn WM ist oder Europapokal, wenn die Nationen aufeinandertreffen, dann finde ich das spannend. Aber wenn Lüdenscheid Nord gegen Herne West spielt, interessiert mich das nicht. Es wird auch immer gesagt, weil ich Bochumer bin, müsse ich mich für Fußball interessieren. Einen Scheiß muss ich! Ich muss auch nicht das Bier trinken, was in meiner Stadt gebraut wird. Es ist gut, dass es die Fiege-Brauerei gibt, aber es gibt auch einen Grund dafür, dass das außerhalb von Bochum nicht getrunken wird. Ganz eiskalt soll man das trinken können! Aber eiskalt kann ich auch meinen Urin trinken.

Was spricht gegen Fiege Pils?

Viele sagen, dass es einfach herb ist. Aber das ist nicht herb. Das ist der Hopfen, der nicht schmeckt, es ist viel zu hopfenhaltig. Herb ist Jever. Das ist aber eine reine Geschmackssache und die Leute sollen das trinken, was sie wollen. Ich sehe nur nicht ein, aus Lokalpatriotismus nur dieses eine Bier zu trinken. Dafür bin ich auch zu sehr Ruhrgebietsmensch, eine Stadt ist nicht besser als die andere. Nein, wir sind alle am Arsch.

Was magst du denn am Ruhrgebiet und was nicht?

Ich mag die Nähe zu anderen Städten und die Möglichkeit, ganz schnell irgendwo zu sein. Ich kann in 20 Minuten nach Essen fahren und dann direkt noch weiter nach Duisburg. Oder in einer Stunde nach Köln. Mit dem Zug ist man auch schnell in Berlin oder Hamburg, verkehrstechnisch ist es hier einfach sehr gut angebunden. Wenn nicht gerade mal wieder vor Duisburg gesperrt ist. Auch diese Unterschiedlichkeit der Städte und, dass alles trotzdem ineinander übergeht, das liebe ich sehr. Und dass man auch gezwungen ist, sich selber anhand der anderen Städte zu reflektieren. Das gibt es woanders nicht. Berlin ist Berlin, die haben keine andere Stadt, an der die sich spiegeln können.

Was ich nicht mag, ist diese Duseligkeit, dieser Stillstand, der hier auch ein bisschen herrscht. Das hängt auch bestimmt mit dieser blöden Kulturhauptstadt zusammen. Da hat man sich ein paar Monate tierisch einen drauf abgekeult, dann war die Loveparade in Duisburg und dann war’s vorbei. Man duselt hier so ein bisschen rum und lernt nicht aus den Fehlern. Und es gibt so viele Möglichkeiten, die nicht genutzt werden. Ich verstehe zum Beispiel nicht, warum es in der Nacht der Industriekultur in einer einzigen Nacht 400 oder 500 Veranstaltungen gibt. Warum macht man daraus nicht einfach ein Festival, ein langes Wochenende? Dann könnte man unterschiedliche Veranstaltungen besuchen, aber an einem Tag geht das doch nicht. Und dann ist wieder ein Jahr lang tote Hose.

Bereust du irgendwas in deinem Leben?

Ja. Dass ich in meinem Leben nie so etwas wie Interrail oder Auslandssemester gemacht habe. Das hab ich meinem Patensohn auch verklickert und ihm gesagt, zwischen Abi und Studium musst du irgendwo hin, am besten so weit weg wie möglich. Er ist dann ein Jahr lang nach Neuseeland gegangen. Yes, alles richtig gemacht!

Warum ist dir das so wichtig?

Das Problem in Deutschland ist, dass die Leute, die von Überfremdung reden, aus Gegenden kommen, in denen es gar keine Überfremdung gibt. Ich bin oft im Osten und wenn man aus den Städten rausfährt, ist da Diaspora. Da gibt es Orte, da ist gar nichts. Die könnten sich freuen, wenn da mal ein Dönerladen eröffnen würde. Mit ein bisschen Überfremdung würde man da mehr Lebensqualität gewinnen. Aber diese Leute dort sind in ihrem Leben einfach nie da rausgekommen. Wenn eine Generation es nicht schafft, mal woanders zu leben, und nur den eigenen Scheiß macht, dann kriegt man eben auch ein Brett vorm Kopf.

Wenn das Leben ein Comic wäre, welche Figur wärst du?

Asterix natürlich. Schon immer. Als kleines Kind hab ich die Filme nachgespielt. Asterix, so ein kleiner Pfiffiger, der sich überall durchsetzt und dann noch mit dieser Power… Aber Gewalt ist natürlich keine Lösung! Nur im Comic!