Sara Pavo2017-11-26T23:19:52+00:00

Project Description

Sara Pavo, 33, aus Oberhausen

„Ich liebe es, nicht nur die Haut meiner Kunden zu erreichen – sondern auch das Herz.“

Hallo Sara. Stell dich bitte kurz vor.

Mein Name ist Sara Pavo und ich bin 33 Jahre alt. Ich habe vor einigen Jahren im Kindergarten gearbeitet und wollte eigentlich Erzieherin werden. Doch dann entschied ich mich für den Beruf der Piercerin. Das habe ich schon mit 17 Jahren angefangen (Meine Mutti fand das erst gar nicht lustig, aber jetzt unterstützt sie mich stolz auf allen Wegen!).

Im Anschluss habe ich eine Ausbildung zur Kosmetikerin gemacht und aktuell befinde ich mich in der Ausbildung zur Heilpraktikerin, die etwa drei Jahre dauern wird, und die ich nebenberuflich mache. Ich bin heute selbstständig und habe ein eigenes Institut in Oberhausen mit derzeit neun Mitarbeitern.

Wie kamst du dazu, Piercerin zu werden?

Ich habe meine Berufung schon sehr früh entdeckt: Als kleines achtjähriges Mädchen habe ich meinem Bruder Ohrlöcher mit einer Nähnadel gestochen, während er auf einen Bleistift gebissen hat. Auch das fand meine Mutti nicht so lustig (lacht). Mit vierzehn bin ich dann professioneller geworden und habe meinem Bruder zwei Unterlippenpiercings und meinen Freundinnen während der Schulpause Bauchnabelpiercings gestochen. Es haben alle überlebt! (schmunzelt)

Und jetzt bist du selbstständig mit deinem eigenen Kosmetikstudio. War das schon immer dein Ziel?

Ich wollte eigentlich nie selbstständig sein – Chefin sein. Ich bin da irgendwie reingerutscht. Ich wurde von meinem super Umfeld da ein bisschen zu meinem Glück geführt. Die haben mir am Anfang die Stärke gegeben, das durchzuziehen, und jetzt könnte ich mir nichts anderes mehr vorstellen. Ich habe quasi schon jetzt den Sinn meines Lebens gefunden.

Was ist der Sinn deines Lebens?

Den Menschen ihre innere und äußere Schönheit zu zeigen. Den ALLE Menschen sind schön! Mein Credo: Schönheit muss man spüren – im Herzen und auf der Haut.

Was bekommt man in deinem Studio?

Wir bieten die klassische Kosmetik an, aber auch apparative Kosmetik, Haarentfernung, Make-Up und mein Spezialgebiet: das Permanent-Make-Up. Das nutzen übrigens sowohl Männer als auch Frauen. Zum Beispiel nach einer Krebserkrankung. Ich darf ihnen dann wieder ein Gesicht geben –Stichwort: Seelenbeauty. Piercing ist zwar auch noch mein Bereich, aber da der Tag leider nur 24 Stunden hat und ich nur zwei Hände, übernehmen meine Mädels oft die anderen Bereiche.

Wie lange hält Permanent-Make-Up?

Das kommt darauf an, was gemacht wird und auch auf die Technik: Augenbrauen, Lider, Lippen, Brustwarzen-Rekonstruktion, Kopfhautpigmentierung. Wenn ich zum Beispiel Augenbrauen mache, die richtig schön natürlich aussehen, sage ich den Kunden, dass sie nach ein bis zwei Jahren zum Auffrischen kommen sollten. Ein Lidstrich in schwarz hält beispielsweise zwei bis fünf Jahre. Es ist wie eine Tätowierung, nur einen Hauch sanfter, und das Gerät hat einen etwas ruhigeren Motor.

Wie viele Piercings hast du selbst zurzeit?

Momentan trage ich nur noch neun. Für viele ist Piercing geiler als Achterbahnfahren! Für das Leben ist der Weg das Ziel, aber beim Piercing zählt das Ergebnis. Trotz des Schmerzes. Man ist danach stolz, dass man es geschafft hat, somit gibt es gratis zum Piercing eine Portion Adrenalin und Dopamin dazu.

Welche deiner Tätowierungen ist dir am wichtigsten oder hat eine Bedeutung?

Tätowierungen habe ich viele. Das OM-Zeichen hat die größte Bedeutung für mich. Ich habe mich früher nie großartig mit meinem Sternzeichen – Widder – beschäftigt, bis mir auf einem Permanent-Make-Up-Seminar jemand von den Schicksalszahlen erzählt hat. Meine ist die 33 und die 6. Die werden mit dem Geburtsdatum berechnet. Die 3 steht für Körper, Geist und Seele, wofür ja das OM-Zeichen auch steht, das ich mir mit 14 habe stechen lassen – heimlich. Ich dachte damals, das sei ein Tribal, bis ich aufgeklärt wurde, dass es das OM-Zeichen war und wofür es steht.

Mir wurde mal gesagt, wenn das OM-Zeichen einen finden soll, dann findet es einen. Mittlerweile habe ich es mehrmals tätowiert – bewusst – und trage es mit Liebe.

Würdest du dich als spirituell bezeichnen?

Ich denke, das ist jeder Mensch. Die einen hören darauf, die anderen nicht. Der eine fühlt es mehr, der andere weniger. Es gibt in jedem Menschen eine Quelle der Weisheit. Spiritualität bedeutet, den Weg zu dieser Quelle wiederzufinden. Ich glaube an Intuition und die Kraft der Gedanken, jedoch auch, dass nicht alles Zufall ist. Das Thema finde ich grundsätzlich sehr spannend.

Holz oder Stein, was magst du lieber?

Mich spricht Holz mehr an als Stein: der Wald und die Natur.

In der Nähe meiner Wohnung ist auch ein kleines Wäldchen. So schnelllebig wie heute alles ist, hat der Wald die Kraft, mich wieder runterzubringen. Meine Freunde nennen mich auch liebevoll „Koala“ – so wuselig wie ich sein kann, brauche ich aber auch immer das Ruhige. Dann setze ich mich einfach nur auf einen Baum und genieße die Ruhe. Das ist heutzutage anscheinend sehr selten, weil ich dann häufig von anderen Waldspaziergängern angesprochen und gefragt werde, ob alles in Ordnung sei.

Was hörst du für Musik?

Ganz, ganz unterschiedlich. Schlager und Techno ist nicht meine Welt. Ich bin mit Michael Jackson und Madonna aufgewachsen. Mein Bruder ist Musiker, der etwas härtere Musik macht, mit der ich damals häufiger morgens geweckt wurde. Im Grunde Musik, die mich mitnimmt. Gerne auch Entspannungsmusik wie bilaterale Musik, die ich beim Arbeiten oft höre.

Was sind deine Hobbies?

Wie gesagt, gehe ich gerne in den Wald und pflücke mir Löwenzahn und Brennnessel für meine grünen Smoothies. Ich pflanze zu Hause dafür auch Weizengras und anderes „Unkraut“ an. Ein bisschen Fitness. Und Schlafen – Koala ausleben. Wenn ich Zeit habe, schlafe ich auch mal 12 Stunden. *upsi*

Was magst du am meisten an deinem Beruf?

Ich finde, als Piercer oder Pigmentistin hat man seinen Kunden gegenüber eine große Verantwortung. In diesem Beruf hässlich zu Menschen zu sein, geht gar nicht! Ich liebe es, nicht nur die Haut meiner Kunden zu erreichen, sondern auch das Herz. Viele sind mit dem Ergebnis so happy, dass sie Freudentränen verschütten oder einen dick drücken – und das liebe ich sehr an meinem Beruf.

Wenn man auf seine eigenen Werte hört, kann man auch den richtigen Beruf wählen. Man sollte sich selbst ein bisschen auseinanderpflücken und schauen, worauf man Wert legt. Meine Werte sind zum Beispiel Verbundenheit, Individualität und Menschlichkeit.

Zu Beginn meiner Ausbildung als Kosmetikerin blieb mir meine Individualität zu sehr auf der Strecke. Weiße Kleidung tragen, in Seminaren Blazer, Piercings raus – das hat mir gar nicht gefallen und ich habe mich selbst gefragt „Scheiße Sara, was machst du da?“ Ich bin nun mal der Pfau der Kosmetikbranche – und dazu stehe ich jetzt. Ich bin mehr zu mir selbst gekommen und habe damit auch mehr Erfolg. Ich habe Kunden zwischen 14 und 90 Jahren und keiner hat Vorurteile. Wenn man das liebt, was man tut, und dabei authentisch ist, dann kommt man bei den Leuten auch an.

Du bist sogar mit Preisen ausgezeichnet worden?

Zuletzt habe ich den ersten Platz für Permanent-Make-Up und den zweiten Platz beim deutschen Kosmetikpreis gewonnen. Unser Ziel ist es, in zwei Jahren den ersten Platz zu holen. Man muss immer ein Jahr aussetzen, bevor man sich wieder bewerben darf.

Man bewirbt sich und macht mehrere Runden mit. Neben der dicken Bewerbungsmappe bekommt man Testkunden in den Laden geschickt und Onlineanfragen werden als Test gesendet – das ist teilweise schon hart, aber ich liebe die Herausforderung. Und es ist eine gute Sache, um Standards in Deutschland zu setzen.

Wo bist du aufgewachsen?

Ich bin in Oberhausen mit meinem Zwillingsbruder und meinem älteren Bruder, der mittlerweile in Argentinien lebt, aufgewachsen. Meine Oma ist Halbitalienerin und von der anderen Oma habe ich einen holländischen Einschlag. Ich mag diese bunte Mischung.

Was magst du am Ruhrgebiet?

Ich bin hier aufgewachsen. Das Ruhrgebiet ist für mich eine große Stadt, ein großer Knubbel. Man kann alles schnell erreichen. Die Menschen sind wirklich kunterbunt und sehr offen.

Und es ist grüner als viele meinen.

Du hattest mal einen feurigen Nebenjob, richtig?

Während meiner Ausbildung habe ich in einem Coyote-Ugly-Salon gearbeitet und Feuer gespuckt. Wir sind sogar mal für drei Tage nach Korea zu einem Auftritt geflogen. Eigentlich habe ich Angst vor dem Feuer, aber ich habe es zu Beginn gelernt und dann war das auch in Ordnung.

Ich bin immer in Bewegung und sehr wissbegierig, daher auch jetzt die Ausbildung zur Heilpraktikerin. Stillstand mag ich nicht. Das ist natürlich nochmal ein ganz anderer Bereich.

Viele schließen von meiner Optik darauf, dass ich die totale Drecksau bin – alle Drogen schon durch, aber so bin ich gar nicht. Klar gab es eine Zeit mit 15 oder 16, als ich mal betrunken über die Hauptstraßen gelaufen bin, weil ich dachte, ich wäre Forrest Gump. Ja, aber jetzt bin ich ruhiger geworden. Viele schätzen mich da völlig falsch ein. Mir reicht es schon, wenn ich drei Kaffee getrunken hab. Ich bin eh schon wuselig genug und muss mich nicht mit Drogen noch zusätzlich pushen.

Für mich ist es erstrebenswerter und schöner, Zustände, die man erzielen möchte, ohne Rauschmittel erreichen zu können.

Schaust du gern Fernsehen, Serien, Filme?

Mein Ex-Mann und ich haben uns nach der Trennung darum „gestritten“, wer den Fernseher nehmen muss. Er hat ihn mir irgendwann hingestellt. Ich habe ihn jetzt zu Hause stehen, aber er ist nicht angeschlossen. Ich bin so viel in Bewegung, hab so viel zu tun und so viele Pläne im Kopf, dass mir fernsehen nur Zeit rauben würde.

Ich höre lieber Podcasts oder lese. Zum Beispiel „Big 5 for life – wie soll dein Lebensmuseum aussehen?“ Das hat mich vor zwei Jahren richtig zum Nachdenken gebracht, was ich wie für mein Leben will. Ich habe mich anschließend aus dem Hamsterrad meines eigenen Unternehmens geholt. Durch eine andere Struktur habe ich jetzt mehr Luft und arbeite kreativ an meinem Unternehmen und Zukunftsplänen. Mittlerweile habe ich auch keinen hohen Blutdruck mehr. Das habe ich durch Ernährung, weniger Stress und Sport wieder hinbekommen. Schon interessant, wie gewisse Faktoren sich beeinflussen lassen, man sollte sich nicht einfach mit Situationen abfinden.

Häufig ruft die Seele durch den Körper um Hilfe. Vielen Kunden ist zuerst gar nicht bewusst, dass Körper und Seele nur gemeinsam wieder in Balance gebracht werden können. Einige wünschen sich schnell ein Cremchen und dann ist gut. Da müssen wir manchmal enttäuschen. Wir machen bei uns wirklich Seelenbeauty. Meine Mitarbeiterinnen sehen den Menschen in seiner Gesamtheit, nicht nur sein Äußeres. Unser Leitspruch ist „Schönheit muss man spüren – im Herzen und auf der Haut“.

Was steht noch auf deinem Plan für die Zukunft?

Die Kampagne „Lisa“ – diese Kampagne wollte ich eigentlich mit der Namensgeberin Lisa auf die Beine stellen, die leider mit jungen 26 Jahren an Krebs gestorben ist. Ich möchte in Deutschland bewegen, dass es von den Krankenkassen ein Budget gibt, das sich Krebspatientinnen selbst einteilen und entscheiden können, ob sie es in Permanent-Make-Up oder in eine Perücke investieren. Viele sagen, sie haben einen schönen Kopf und die Perücke juckt nur, jedoch wünschen sie sich einfach nur ein „Gesicht“ zurück.

Ich arbeite derzeit mit Power-Frauen zusammen, um mit dieser Kampagne die Krankenkassen aufzurütteln und ein Umdenken zu erreichen.

Wenn das Leben ein Comic wäre, welche Figur wärst du und warum?

Ich wäre die Biene Maja: Sie steht für Freiheit, braucht Mut und hat gute Freunde. Sie findet ihr Glück jenseits der starren Regeln – wie auch ich, ohne weißen Kittel. Sie tanzt aus der Reihe mit dem faulen Willi, von dem ich auch etwas habe. Laut meinen Mitarbeiterinnen habe ich etwas von Tinkerbell – ich habe dann nachgeschaut, wofür sie steht: starker Ehrgeiz, Fleiß und Sturheit. Komisch, dass das meine Mitarbeiterinnen das sagen (lacht). Pippi Langstrumpf würde ich als Vorbild sehen: Ich mache mir die Welt, wie sie mir gefällt!