Projekt Beschreibung

Meral Renz, 57, aus Essen

„Mein Spezialgebiet ist die Behandlung von Vaginismus-Störungen.“

Hallo Meral, stell dich bitte kurz vor.

Ich heiße Meral Renz. Mein Vorname ist türkisch, mein Nachname ist der meines Ex-Mannes. Ich bin 57 Jahre alt und lebe schon sehr lange in Essen. Aber geboren und aufgewachsen bin ich in der Türkei am Schwarzen Meer in der Stadt Zonguldak. Ich bin mit 16 nach Deutschland gekommen und musste dann hier neu starten.

Hast du dann hier eine Ausbildung begonnen?

Ich habe Soziale Arbeit studiert und diverse therapeutische Ausbildungen gemacht: Gestalttherapie, Sexualtherapie, Traumatherapie, Paar- und Familientherapie, und einige mehr. Im Laufe der Jahre sammelt man irgendwie die Ausbildungen … Ich bin in einem Beratungszentrum für sexuelle Gesundheit tätig und arbeite zusätzlich in einer eigenen Praxis als Sexualtherapeutin mit Paaren, die sexuelle Probleme haben.

Hast du Kinder?

Ich habe zwei Söhne. Der Ältere ist 29, mein jüngerer Sohn hat letztes Jahr Abitur gemacht und ist aktuell für ein Jahr in Chile. Ich war zweimal verheiratet und bin zweimal geschieden. Meine Söhne sind aus den beiden Ehen.

War dein Sohn bei den Demonstrationen in Chile dabei?

Ja. Er war schon ein bisschen erschrocken über so viel Gewalt auf den Straßen. Das war für ihn eine neue Erfahrung. Er hat sich dann viel zu Hause aufgehalten, auch wenn es kaum Lebensmittel gab. Das harte Durchgreifen der Polizei hat ihn auch sehr geschockt. Es wurde einfach auf junge Menschen geschossen.

Warum bist du mit 16 nach Deutschland gekommen?

Aus ähnlichen Gründen – das war 1980, kurz vor dem Militärputsch in der Türkei. Ich hatte eine Klasse übersprungen und war deshalb jünger als alle anderen. Zur Zeit des Militärputsches war ich in der Schülerbewegung sehr aktiv und hatte Angst, in der Türkei zu bleiben. Ich bin also eigentlich aus politischen Gründen in Deutschland hängen geblieben. Ich hatte gar nicht vor, nach Deutschland zu gehen. In der Schule habe ich Englisch gelernt – Deutschland war nur eine Notlösung für mich.

Wie waren deine ersten Eindrücke, als du nach Deutschland kamst?

Ich bin in Deutschland zuerst in Gelsenkirchen gelandet und fand es dort sehr schlimm. Ich bin in einer weltoffenen Stadt in der Türkei aufgewachsen, unsere Lehrer waren Kommunisten und Feministinnen, ich war schon mit zwölf Jahren Atheistin. Und in Gelsenkirchen musste eine katholische Mitschülerin heiraten, weil sie mit einem Jungen Sex hatte.

Wurde dein Eindruck im Laufe der Jahre besser?

Zum Studium bin ich dann nach Essen gezogen und seitdem geblieben. Ich fühle mich wohl hier, ich bin Essenerin. Das liegt ganz besonders daran, dass ich früh Menschen kennengelernt habe, die im Widerstand aktiv waren. Das waren ältere Menschen, die gegen den Faschismus in Deutschland oder gegen Franco in Spanien gekämpft haben. So wurde das Bild von den Deutschen für mich auch sehr revidiert. Ich bin mit Vorbehalten nach Deutschland gekommen, weil ich es mir nicht vorstellen konnte, in einem Land mit dieser Geschichte zu leben. Diese Menschen kennenzulernen war für mich aber eine sehr wertvolle Erfahrung und hat dazu beigetragen, dass ich meinen Frieden schließen konnte und auch die andere Seite gesehen habe. Nämlich Menschen, die nicht einverstanden waren und die gekämpft haben. Das hat mir einen ganz anderen Zugang zur Kultur gegeben. Ich habe angefangen, mich für deutsche Sprache, Literatur und Kultur zu interessieren, weil ich auf einmal so einen positiven Bezug hatte.

Wie lange warst du nach deiner Auswanderung nach Deutschland nicht in der Türkei?

Ich bin erst 1982, also zwei Jahre nach dem Putsch, wieder in die Türkei gereist. Vorab habe ich Verwandte gebeten, nachzuforschen, ob etwas gegen mich vorliegt. Trotzdem hatte ich Angst – wie alle. Die ersten Fahrten zurück in die Türkei habe ich nur im geschützten Rahmen in Begleitung von Freunden gewagt.

Wie ist es heute für dich, in die Türkei zu fahren?

Wir sind sehr gerne und oft da, mein Partner und ich haben dort einen Zweitwohnsitz in der Nähe von Izmir. Wir haben früher in dieser Gegend gern Urlaub gemacht. Aufgewachsen bin ich wie gesagt am Schwarzen Meer. Die Region kann man sich vorstellen wie den Schwarzwald, aber eben am Meer – die Wälder enden direkt am Ufer. Es ist schön, aber es regnet leider viel, die Sommer sind kurz. Die Umgebung von Izmir an der Ägäis gefällt mir deutlich besser. Wir haben dort einen Olivenhain, ein schönes Haus, Freunde und Verwandte.

Was kann man sich unter deinem Beruf als Sexualtherapeutin vorstellen? Welchen Probleme behandelst du?

Zu mir kommen einzelne Personen, aber meistens Paare, die Probleme in der Sexualität haben. Es kommen häufig junge Paare zu mir, aber auch Männer mit Erektionsstörungen, Menschen mit Luststörungen wie ältere Paare, die keine Lust mehr haben, obwohl sie eine gute Beziehung führen. Mein Spezialgebiet ist die Behandlung von Vaginismus-Störungen.

Was genau sind Vaginismus-Störungen?

Das betrifft Frauen, die Geschlechtsverkehr nicht gut zulassen können, verkrampfen und dadurch schmerzhaften Geschlechtsverkehr haben. Das kann man aber gut therapieren. Ich bin hier in der Gegend eine der Wenigen, die sich auf diesem Gebiet spezialisiert hat.

Betrifft das häufig Opfer sexueller Gewalt?

Nein, das kann man pauschal nicht so sagen. Es müssen nicht unbedingt Grenzverletzungen vorgefallen sein. Auch rigide Sexualerziehung führt zum Beispiel oft zu vielen Problemen. Sexualität hat sehr viel mit Erlaubnis geben zu tun: Erlaubnis geben zur Lust und Entdeckung. Das alles fehlt in vielen Erziehungen.

Gibt es ein übliches Vorgehen deiner Behandlung von Vaginismus?

Mich fragen Patienten oft vor dem ersten Termin: „Müssen wir denn bei Ihnen was machen?“ Nein. Das muss natürlich niemand. Erstmal ist es wichtig, das Tabu aufzubrechen – viele leiden wirklich darunter, überhaupt nur darüber zu sprechen. Wir reden und machen das Problem so fassbar und greifbar. Vaginismus hat sehr unterschiedliche Gründe. In Gesprächen versuchen wir, diese zu finden. Wichtig ist dabei, dass die Betroffenen das auch sehen. Und dann suchen wir einen Weg.
Es geht darum: Erkennen, Erlaubnis geben und kleinschrittig gegen diesen körperlichen Widerstand zu arbeiten. Man muss Gefühle, Gedanken und Körpergefühl zusammenbringen, um dem Verschließen des Körpers entgegenzuarbeiten.

Das ist bestimmt ein sehr schambesetztes Thema.

Ja. Viele meiner Patientinnen haben schon vieles überwunden, bis sie den Schritt wagen, mich zu kontaktieren. Oft werden sie auch von Ärzten weitervermittelt, wenn medizinische Ursachen ausgeschlossen werden konnten und man nicht mehr weiter weiß.

Welche Bereiche sind am schwierigsten zu therapieren?

Bei jungen Männern, die Ejakulations- oder Errektionsprobleme haben, braucht es oft eine sehr tiefgehende Arbeit. Sie leiden häufig unter solchen Problemen, weil sie beispielsweise sehr nah an ihren Müttern sind. Damit geht es sehr ans Eingemachte. Frauen, die unter einer Luststörung leiden, kennen häufig ihren eigenen Körper nicht richtig. Sie haben nicht viel ausprobiert oder auch ihrem Partner fehlt der Zugang zum weiblichen Körper. Das kann man „einfacher“ beheben.

Die Frage ist immer: Was ist das Ziel der Therapie? Da müssen die Patientinnen oder Patienten und ich uns einig werden. Manche Vorstellungen sind auch einfach nicht erreichbar: Wenn ein Mann in den 50ern seine Sexualität der 20er wiedererlangen möchte, dann ist das natürlich nicht möglich. Der Körper ist anders und man muss ein dem Alter entsprechendes Ziel vereinbaren.

Hat es in deinem Leben einschneidende Erlebnisse gegeben, von denen du erzählen möchtest?

2015 sind wir mit dem Wohnmobil von der Türkei zurück nach Deutschland gereist und haben überall Menschengruppen neben der Autobahn Richtung Europa entlanglaufen gesehen. Das war ein hilfloser Moment für mich. Wir saßen bequem in unserem Wohnmobil und sehen Menschen da entlanglaufen – teilweise barfuß – auch alte Menschen und kleine Kinder. Und du kannst nicht helfen. Das war einer der härtesten Momente, die ich in den letzten Jahren hatte. Und mich haut so schnell nichts um.

Hast du in deiner Arbeit auch mit geflüchteten Menschen zu tun?

Ja. Aber erst, wenn sie hier und in Sicherheit sind. Ich habe 2015 ein Projekt ins Leben gerufen: Liebes-Welten. Das ist ein Parcours mit Stationen, an denen Menschen, die sich kein sexualpädagogisches Wissen aneignen konnten, sich kleinschrittig informieren können. Über ihren Körper, über diesen zu sprechen, über Verhütungsmittel, über sexuell übertragbare Krankheiten, Infektionen, Normen und Werte. Wir haben 100 Leute ausgebildet, die 55 Sprachen sprechen und die die Gruppen durch den Parcours führen. Ich bin für die Ausbildung und Gruppenabläufe zuständig. Dadurch habe ich sehr viel mit geflüchteten jungen Menschen zu tun. Das Projekt hat mehrere Auszeichnungen bekommen und ist auch im Internet vertreten: www.liebes-welten.de

Wie ist die Resonanz auf das Projekt?

Wir bekommen viel positives Feedback. Wir haben zum Beispiel eine Station, an der man seine Geschichte erzählen kann. Afrikanische Frauen erzählen zum Beispiel von ihrer Flucht. Das ist alles so frisch und alle kennen das und sie weinen zusammen. Das ist sehr bewegend. Viele der afrikanische Frauen, die sich allein auf den Weg machen, können diesen Weg nicht schaffen, ohne ihren Körper zu verkaufen. Was diese Situation mit Menschen macht, ist unfassbar. Wenn man bedenkt, was einem selbst Angst macht, ist es sehr zu bewundern, dass sie es bis hierher geschafft haben und ihr Leben von Grund auf neu aufbauen.

Was magst du am Ruhrgebiet und was nicht?

Essen hat eine Universität und dadurch bin ich mit vielen Leuten aus ganz Deutschland in Kontakt gekommen. Ich empfinde Essen als eine sehr weltoffene Stadt. Es ist sehr grün und wenn ich das Meer vermisse, bin ich gern am Baldeneysee am Wasser. Ich glaube, ich könnte in keiner Stadt leben, die kein Wasser hat.

Ich habe mal mit meinem Partner darüber geredet, innerhalb Deutschlands umzuziehen, zum Beispiel nach Freiburg, weil ich dort auch Freunde habe. Aber da finde ich es teilweise zu borniert. Für mich ist klar, dass ich in Essen bleibe. Durch die Fortbildungen ist mir aufgefallen, dass die Fachkräfte in anderen Regionen nicht so gemischt sind. Sie bestehen aus deutscher Mittelschicht, keiner hat eine Behinderung, einen Migrationshintergrund oder ist etwas anderes als heterosexuell. Das ist hier in Essen anders. Fast jeder hat hier eine Migrationsgeschichte. Daher denke ich, dass die Menschen hier weltoffener sind, weil sie wissen, was es bedeutet, einen anderen Hintergrund zu haben.

Wenn das Leben ein Comic wäre, welche Figur wärst du dann und warum?

Ich war ein Kind, das immer realistische Geschichten mochte. Für Comics war eher mein Bruder zu haben. Ich könnte mir aber Arielle die Meerjungfrau vorstellen. Sie lebt in meinem Element: Wasser.