Projekt Beschreibung

Dennis Klapschus, 36, aus Essen

„Ich sah mit meiner bunten Hose einfach nicht so aus, als könnte ich mir eine Penthousewohnung leisten.“

Hallo Dennis, stell dich doch bitte kurz vor.

Mein Name ist Dennis, ich komme aus Essen, bin in Altenessen geboren und aufgewachsen. Ich habe einen Hauptschulabschluss und nach der Schule eine Maurerlehre gemacht.

Meine Eltern haben immer gesagt „Junge, du musst was Handwerkliches machen. Nur damit kommst du weiter.“ Dann habe ich eine Zeit lang als Maurer gearbeitet und in der Zeit auch meine Frau kennengelernt. Wir haben zwei Töchter.

Meine Frau kommt aus dem persischen Raum. Bei ihr in der Familie gab es eine andere Meinung. Die sagten, ich solle nicht mein Leben lang auf dem Bau arbeiten und die Schule weitermachen. Letztendlich habe ich meine mittlere Reife nachgeholt und geguckt, welches Studium zu mir passen könnte. Das berufsnächste war Architektur. Das habe ich dann studiert. Das ist ein sehr zeitaufwändiges Studium. Man muss viele Modelle bauen und Praktika durchführen. Da konnte ich etwas Zeit bei sparen, da ich ja schon eine handwerkliche Ausbildung hatte.

Wie war dein Studium?

Ich habe während des Studiums gerne Möbel, zum Beispiel Kindermöbel, entworfen. Ich war immer ein Fan davon, multifunktionale Dinge zu machen. Also nicht nur einen Tisch, sondern der konnte auch noch ein Stuhl oder eine Bank sein. Also ein kleines kompaktes Möbelstück, was variabel einsetzbar ist. Meine Kommilitonen haben mich oft gefragt, wie ich das zeitlich mache. Ich bin verheiratet und hatte damals ein Kind, das Studium lief super, ich bekam gute Noten und habe nebenbei noch Möbel entworfen. Ich kam denen wie ein Multitalent vor. Ich habe schon immer ein unternehmerisches Denken in mir gehabt und die ersten Möbel habe ich an einen Kindergarten verkauft.

Und danach?

Nach dem Studium habe ich dann als Architekt gearbeitet. Ich war aber schon immer sehr bunt. Und Architekten bauen ja nicht immer nur Häuser … ich habe also immer schon bunte Perspektiven entworfen. Irgendwann habe ich mir dann mal eine Leinwand gekauft und drauflos gemalt. Ich war immer schon ein Comicfan und habe dann einfach Comics im Hintergrund aufgeklebt oder im Vordergrund aufgemalt.

Irgendwann wurde mir klar, dass, wenn es Kunst sein soll, es auch eine Geschichte haben muss. Es muss mehr können, als einfach nur einen Comiccharakter abzubilden.

Und dann wurde die Kunst immer mehr – der Job aber auch. Ich habe meine ersten Kunstwerke verkauft, für 500, 600, bis zu 1.000 Euro! Einmal hat ein Käufer aus Frankreich vier Bilder für 4.000 Euro gekauft. Da habe ich mich wie Gott in Frankreich gefühlt. Neben dem Job so viel zu verdienen, war für mich eine große Überraschung. Die Anfragen wurde immer mehr und ich bekam Ausstellungsmöglichkeiten auf der ganzen Welt: Miami, Mallorca … ich war überall. Das war ziemlich genau vor fünf Jahren.

Und du hast dann trotzdem noch als Architekt gearbeitet?

In meinem eigentlichen Job als Architekt hatte ich eine leitende Position. Dadurch, dass mein Hobby aber immer erfolgreicher wurde und ich immer bekannter – auch durch Social Media – gab es eben auch viele Neider. Da wurde direkt geredet, wenn ich mal nicht zur Arbeit kam, weil ich krank war. Und ich war selten krank, weil ich meinen Job sehr gerne gemacht habe. Aber dann hieß es sofort „Ach, der Dennis trifft sich wieder mit Promis …“, „Der Dennis malt mal wieder.“. Irgendwann wollte ich nicht mehr so im Mittelpunkt stehen und habe von heute auf morgen meinen Job aufgegeben und gekündigt. Zu der Zeit hatten meine Frau und ich schon zwei Töchter. Dann habe ich einfach nur noch meine Kunst gemacht. Ich kann gut davon leben. Es wurde immer mehr und mehr. Ich verkaufe Kunstwerke in die ganze Welt. Das teuerste Werk, was ich verkauft habe, ging an einen Frankfurter Unternehmer und hat 50.000 Euro gekostet. Das war natürlich dementsprechend groß: zwei Meter mal zwei Meter. Alleine solche Preise aufrufen zu können, kann einfach nicht normal sein. Das ist der absolute Hammer und das muss man erstmal realisieren.

Ich arbeite viel mit Comiccharakteren. Mittlerweile habe ich auch meine eigenen Figuren entworfen. Ich bedrucke auch Shirts, Caps und anderes Merchandise. Die sind maximal eine Stunde verfügbar, wenn ich sie online in den Shop einstelle. Ich produziere immer 99 Stück, die sind durchnummeriert, und gehen in einer Stunde alle weg.

Und machst du viel Werbung und Marketing, um deine Kunst zu verkaufen?

Bei sowas ist Marketing natürlich auch sehr wichtig. Ich bin aktiv auf Social Media, vermarkte dort meine Bilder und oft fragen mich andere Künstler, ob ich ihnen nicht Tipps geben kann. Oder ob ich für sie ein Werk verkaufen könnte. Aber man muss sagen, oft kommt es gar nicht darauf an, unbedingt etwas schnell zu verkaufen. Man muss authentisch sein. Das merkt der Gegenüber. Man darf keine Geschichte erzählen, die nicht stimmt. Damit kommt man im Leben nicht weiter.

Ich glaube, warum die Menschen meine Kunst kaufen, ist, weil sie meine Geschichte von Anfang an verfolgt haben. Und an mir sehen, wie weit man kommen kann. Man kauft von mir ein Gesamtpaket. Man will ja auch wissen, wer ist der Künstler dahinter. Warum hat er das gerade so geschaffen. Das ist ein sehr emotionales Business.

Wie ist deine Auftragslage momentan? Hast du viele Anfragen?

Ich bin gerade extrem voll mit Aufträgen. Die Leute warten teilweise sechs bis sieben Monate auf ihre Kunstwerke.

Wolltest du schon immer Künstler sein?

Ich lebe meinen Traum. Ich habe irgendwann mal gesagt, ich möchte mal von meiner Kunst leben und nicht mehr arbeiten müssen. Meine Frau und ich wollten auch immer zusammen etwas machen. Uns ist da früher immer sowas wie ein Café vorgeschwebt. Nicht, weil wir so gerne in der Gastronomie arbeiten würden, sondern, weil wir etwas zusammen machen wollten. Jetzt sind wir in die Kunstszene gerutscht und ich würde es schon als Familienunternehmen bezeichnen. Wir machen alles zusammen. Meine Töchter sind jetzt 15 und 13 und die haben so viele Ideen und arbeiten mit. Eine Comicfigur haben eigentlich meine Kinder entwickelt. Das ist „Dennis the menace“ von früher, aber ein bisschen abgewandelt. Wenn sie dann sehen, dass ihre Figur auf einem T-Shirt gedruckt sofort ausverkauft ist, dann sind sie mega stolz und das motiviert sie. Motivation ist etwas, was ich in naher Zukunft stärker zu den Menschen bringen will.

Wie willst du das machen?

Ich möchte Kinder so wie Erwachsene motivieren, an ihre Träume zu glauben. Man muss mutig sein. Das ist ein Thema, was ich gerne voranbringen möchte. Ich bin in Altenessen, einem eher ärmeren Stadtteil von Essen, aufgewachsen. Ich habe nicht immer so ein schönes Leben gelebt. Die Zeiten waren früher in Altenessen schwierig. Ich kenne es aber eben auch so, was mich nicht abheben lässt. Ich bin bodenständig geblieben. Man muss wissen, wo man herkommt, aber auch stolz darauf sein, was man sich selbst erarbeitet und aufgebaut hat. Um dieses Mindset weiter zu verbreiten, plane ich da was in Essen …

Was genau planst du?

Ich habe mich letztens mit dem aktuellen Oberbürgermeister Herrn Kufen getroffen und mit ihm besprochen, dass ich in Essen mehrere Aktionen starten kann. In Rüttenscheid fange ich an, aber ich will noch nicht verraten, was es genau sein wird. Aber seid gespannt, es wird bunt …

Du hast doch schon einmal so etwas gemacht, oder?

Ja. Vor drei Monaten hatte ich eine Aktion in Rüttenscheid mit Superhelden. Zu der Zeit hatte ich das Gefühl, dass die Menschen durch Corona stark angespannt und nicht gut gelaunt waren. Da musste irgendwas Lockeres her. Da habe ich verkleidete Superhelden über die Rüttenscheider Straße laufen lassen. Wir haben denen so pinke Taschen mitgegeben. Das sah schon lustig aus, der riesige Hulk mit einer pinken Tasche in der Hand. In der Tasche waren kleine Geschenke, die die Motivation fördern sollen. Schokolade für die Seele, Traubenzucker, Energydrink – es ging um die Message, dass man dankbar sein soll für das, was man hat und nicht die Motivation verlieren soll. Spiderman, Captain America und Hulk gingen so also über die Rü, behangen mit den Tüten. Das war zu der Zeit, als noch nicht so viel möglich war, wegen Corona. Die Menschen haben sich sehr über die Aktion gefreut und hatten viel Spaß.

Meine Kunst beinhaltet ja immer Comicfiguren. Die sind den Menschen aus der Kindheit bekannt und man hat in den meisten Fällen eine positive Bindung zu ihnen. Das ist mein Schlüssel zur Aufmerksamkeit. Und die Message folgt danach. Bei den Superhelden und dieser Aktion war das ähnlich. Die Figuren waren der Schlüssel, um die Leute zum Lachen zu bringen. Die Message – Motivation fördern – folgte. Die Nachfrage nach weiteren Aktionen ist groß und da wird es auch noch etwas geben.

Gab es einen Moment in deinem Leben, an dem du selbst gesagt hast „ich bin jetzt Künstler“?

Wir haben früher in der Stauderstraße in Altenessen gewohnt und sind dann umgezogen in die Messeallee in Rüttenscheid und hatten da auf einmal eine schöne Penthousewohnung. Da waren in der Nachbarschaft auf einmal Bänker und der Vorstand von Was-auch-immer. Man hat sich eigentlich nie gesehen, nur in der Tiefgarage! Da war ich eines Tages mit meinem Nachbarn, einem Bauunternehmer, in der Tiefgarage vor den Aufzügen, die in die Wohnungen fuhren, und der fragte mich, was ich eigentlich machen würde. Ich sah mit meiner bunten Hose einfach nicht so aus, als könnte ich mir eine Penthousewohnung da leisten. Es war für mich wirklich schwierig zu sagen, ich bin Künstler. Und da habe ich dann gesagt „Eigentlich bin ich Architekt.“ Obwohl ich gar nicht mehr als Architekt gearbeitet habe. Es ist einfach so, dass der Begriff „Künstler“ immer eher schlechter bewertet wird. Es ist in den Köpfen kein angesehener Beruf. Ich habe dem Nachbarn aber noch gesagt, dass ich auch male und ihm ein Bild gezeigt, was ich damals von Bob der Baumeister für mich selbst erstellt habe. Er fand das so cool, dass er es sofort kaufen wollte.

Mittlerweile sage ich von mir, dass ich Künstler bin, aber es hat echt eine Zeit lang gebraucht.

Und du machst alles alleine oder mit deiner Familie zusammen?

Ich habe so viele Aasgeier, die bei mir an Bord kommen wollen und wollten. Am Anfang habe ich mit vielen Leuten zusammengearbeitet, bei denen ich nach und nach gemerkt habe, dass es denen gar nicht wirklich um mich geht, sondern nur um das Geld. Ich sollte immer mehr und mehr produzieren. Aber dabei geht die Lockerheit verloren. Das ist einfach nicht wichtig. Was mir wichtig ist, ist, dass ich mein eigener Chef bin und Freiheiten habe. Das ist eigentlich auch mein größter Erfolg. Dass ich meine Zeit selbst einteilen kann. Wenn ich an einem Tag mal etwas mit meinen Kindern unternehmen möchte, dann mache ich das.

Hast du Vorbilder?

Mein Opa war ein Vorbild für mich. Er hat damals Umzüge in Gelsenkirchen mit seiner winzigen Ape durchgeführt. Damit hat er Klaviere transportiert. Ich habe so oft ich konnte mitgearbeitet und ihm geholfen, um mein Taschengeld aufzubessern. Da musste ich die Möbel teilweise bis in die fünfte Etage schleppen. Mein Vater hat dann die Firma übernommen und vergrößert. Leider ist sie irgendwann insolvent gegangen. Aber mein Opa hat es durch die Umzüge damals geschafft, sich fünf Häuser zu kaufen. Das ist schon bemerkenswert. Er war eine Inspiration für mich. Mit so großem Ehrgeiz und wenigen Mitteln sich etwas aufzubauen und davon leben zu können.

Wen ich aber auch noch nennen möchte, ist Dieter Bohlen. Für ihn habe ich mal die Tourjacke entworfen. Man mag über Dieter Bohlen sagen, was man will. Seine Musik höre ich auch nicht – das ist ja auch Geschmackssache. Aber was man sagen muss, Dieter Bohlen ist der Poptitan in der Musikbranche. Und er kann nicht mal singen. Der hat sich so ein erfolgreiches Business aufgebaut mit einer Sache, die er gar nicht kann, und das ist schon beeindruckend. Solche Geschichten inspirieren mich.

Was gefällt dir am Ruhrgebiet oder was nicht?

Hier sind die Leute einfach normal und echt. Man sagt das was man denkt und ist locker. Das ist sicher ein Klischee, was man so über den Ruhrpott hört, aber da steckt viel Wahres dahinter. In Düsseldorf zum Beispiel sind die Leute einfach oft drüber.

Ich war vor einiger Zeit oft in Düsseldorf unterwegs und habe viele Popup-Stores an unterschiedlichen Ecken eröffnet. 2019 hat mich der Essener Oberbürgermeister Thomas Kufen angeschrieben, er würde in der Presse immer nur lesen „der Düsseldorfer Künstler“, aber ich sei doch Essener! Ob ich nicht mit meinem Atelier nach Essen kommen wollte. Ich dachte, hier ist auch nicht mein Publikum. Aber als ich den Laden hier in Emmastraße in Rüttenscheid bekam, gab es nur positives Feedback.

Was mir nicht so gut gefällt, aber das ist eher so ein deutschlandweites Ding, ist diese Neidkultur. Da muss man aber drüberstehen. Da bin ich schon etwas abgehärtet.

Wenn das Leben ein Comic wäre, welche Figur wärst du dann?

Eigentlich bin ich ein großer Dagobert Duck-Fan. Nicht, weil er in so viel Geld schwimmt, sondern eher, weil er ein Sparfuchs ist. Aber ich wäre auch gerne meine eigene Comicfigur. Und das bin ich eigentlich. Jeden Abend liege ich im Bett und gucke an die Decke und denke, wie geil mein Leben eigentlich ist und was ich mir selbst aufgebaut und geschafft habe. Dafür muss man dankbar sein – das ist einfach nicht normal. Ich lebe meinen Traum und bin in meiner eigenen Comicwelt unterwegs. Damals als Kind habe ich noch teuren Autos auf der Straße hinterhergeguckt und mich gefragt, was das wohl für ein Typ sein muss, der so ein Auto fahren kann. Und jetzt bin ich in der Position, dass ich selbst so Autos fahre. Da habe ich meine Kindheitsträume in die Realität umgesetzt. Ich bin auch tatsächlich gerade dabei, meine Geschichte in einen Comic zu packen. Wie ich angefangen habe, wie ich meine Frau damals im Sonnenstudio kennengelernt habe, wie ich auf der Baustelle gearbeitet habe, … Das sind viele Erinnerungen, die ich gerne mal als Comic umsetzen würde. So der kleine Dennis und sein Leben.

Ich denke ja eigentlich immer noch, dass ich der kleine Dennis bin.