Ryko, 28, aus Essen

„Ich will einfach wissen, wie weit man mit dem Ruhrpott kommen kann.“

Tach Ryko. Stell dich doch mal in zwei, drei Sätzen vor.

Ja, ich bin Ryko, 28 Jahre alt, Content Creator und Stand-up-Comedian. Und laut manchen Leuten der Bürgermeister vom Ruhrpott.
Selbst ernannt natürlich nicht. Das haben irgendwann andere angefangen. Und irgendwie ist das dann hängen geblieben.

Wie hat deine Reise eigentlich angefangen?

Mit Battle-Rap.

Ich hab mit 17 oder 18 angefangen, Battle-Rap zu machen. Also wirklich dieses klassische „8 Mile“-Ding. Sich vor andere Menschen stellen und sich in einer Kunstform gegenseitig beleidigen. Danach hab ich jahrelang Deutschrap gemacht.

Irgendwann hab ich mir dann gedacht: Warum mach ich eigentlich nicht die Musik, mit der ich groß geworden bin? Dann hab ich Pop-Punk gemacht, war mit einer Band unterwegs und hab viele Live-Auftritte gespielt. Irgendwann hat mir das Musikmachen aber einfach nicht mehr so viel Spaß gemacht. Da sind ein paar Sachen passiert, die mir so ein bisschen die Freude daran genommen haben. Dann hab ich wieder überlegt: Was kannst du jetzt machen? Wo kannst du dich kreativ austoben?

Comedy war eigentlich sowieso immer da. Ich hab neben der Musik ständig Videos gemacht. Diesmal haben die Leute sie aber plötzlich gesehen.

Und dann ging das Ganze los.

Wie viel Ryko steckt in dir als Privatmensch?

Eigentlich komplett.

Es ist natürlich einfacher zu sagen, Ryko ist eine Kunstfigur. Einfach, um das ein bisschen vom Privatleben abzugrenzen. Aber am Ende ist das ja trotzdem mein Humor. Klar ist das Internet immer noch eine Stufe drüber. Ich weiß, was Sprache auslösen kann. Ich weiß, wie Wörter funktionieren. Ich weiß auch, wie man Gags schreibt. Deshalb ist vieles überspitzt.

Die Leute denken oft, ich wär voll der Proll oder der Macker. Und dann unterhalten die sich mit mir und sagen hinterher: “Boah, du bist ja voll lieb.” Das höre ich ständig. Da merkt man einfach, wie sehr Überspitzung funktioniert.

Du kommst aus Essen?

Ja. In Essen geboren. In Essen lebend. Und hoffentlich auch in Essen sterbend. Ich werd nicht nach Berlin oder Köln ziehen. Dafür mag ich den Ruhrpott einfach viel zu sehr.

Wo genau bist du groß geworden?

Im Bergmannsfeld. Zwischen Freisenbruch und Hörsterfeld. Wenn du aus Essen kommst, weißt du direkt, welche Ecke das ist. Als Kind war das für mich aber einfach Zuhause. Da haben wir rumgehangen. Fußball gespielt. Scheiße gebaut. Das war einfach unsere Welt.

Ist dir eigentlich irgendwas peinlich?

Ne. Ehrlicherweise nicht. Also ich hab schon viel Kram gemacht. Guten Kram. Schlechten Kram. Bin oft genug mit irgendwelchen Sachen konfrontiert worden.
Klar, wenn ich heute alte Songs höre, dann denk ich manchmal schon: „Junge … wat war dat denn?“

Aber peinlich? Nee.

Ich glaube, Peinlichkeit ist sowieso oft etwas, das andere Menschen dir geben wollen. Die Leute finden’s peinlich, dass ich im Unterhemd rumlaufe. Die Leute finden’s peinlich, dass ich Vokuhila trage. Aber dat bin halt ich. Ich sitz zuhause auch im Unterhemd. Dat sind meine Haare. Ich liebe meine Haare. Warum sollte mir das peinlich sein? Ich glaube, sowas funktioniert nur, wenn man selber nicht mit sich im Reinen ist. Und ich bin erstmal zufrieden mit mir, wie ich bin.

Wann hast du eigentlich gemerkt, dass andere Menschen dich lustig finden?

Humor war bei mir schon immer ein Thema. Mein Vater hat früher immer gesagt: „Du bist lustig. Du darfst bleiben.“ Das war so sein Spruch. Nach dem Motto: Du musst nicht ausziehen, weil sonst hab ich ja nichts mehr zu lachen.

Ich war Klassenclown. Schlecht in der Schule. Wenig Konzentration. Aber immer einen Spruch auf Lager. Wenn ich Scheiße gebaut hab, hatte ich zumindest eine gute Ausrede. Humor war irgendwie schon immer da.

Irgendwann haben meine Freunde angefangen zu sagen: „Die Leute im Internet wissen gar nicht, wie lustig du privat eigentlich bist.“ Die nennen das heute noch das Ryko-Premium-Abo. Die sagen immer: „Wir haben Premium.“ Das find ich schon ganz witzig.

Im letzten Jahr ist deine Bekanntheit explodiert. Wie geht dein Umfeld damit um?

Das ist komplett unterschiedlich. Die Freunde, die von Anfang an dabei waren, sind heute genauso da wie früher. Vielleicht sogar noch mehr. Die wissen nämlich auch, dass das alles gar nicht so einfach ist. Von außen sieht das immer nur nach Erfolg aus. Viele Follower. Viele Aufrufe. Alles läuft.

Aber sowas kann auch echt viel mit einem Menschen machen. Deshalb bin ich einfach froh, dass meine Freunde so krass hinter mir stehen. Wir sitzen manchmal irgendwo im Auto, nachdem wieder Fotos gemacht wurden. Und einer meiner besten Freunde, Noah, sagt dann einfach: „Ich kann mich da nicht dran gewöhnen. Ich versteh einfach nicht, warum die Fotos mit dir machen wollen.“ Und ich sitz daneben und denk mir: „Ja … ich irgendwie auch nicht.“ Weil ich das selbst manchmal gar nicht greifen kann. Aber die Leute freuen sich wirklich, wenn die mich sehen. Und das ist einfach ein schönes Gefühl.

Neue Leute verstehen das manchmal gar nicht. Die sehen nur das, was jetzt passiert. Aber ich arbeite halt schon seit ich 16 oder 17 bin daran, irgendwann mit Kunst mein Geld zu verdienen. Für mich ist das keine Geschichte, die letztes Jahr angefangen hat. Die geht eigentlich schon mein halbes Leben.

Du warst zuletzt bei Rock am Ring auf der Bühne. Wie kam das eigentlich zustande?

Rock am Ring hat irgendwann gefragt, ob ich mir das vorstellen könnte und ob ich Bock hätte. Dann haben wir – also mein Management und ich – echt lange überlegt, wie man das machen könnte. Wie das aussehen kann. Für uns war das halt ein riesiger Test. Wir wussten überhaupt nicht, ob das funktioniert.
Ich hab nach außen immer gesagt: „Ja, klar. Das klappt. Machen wir.“ Aber innerlich weißt du das natürlich nicht.

Am Ende war ich da Reporter für die Social-Media-Kanäle. Ich hab auf den Campingplätzen mit den Leuten gequatscht, Bands interviewt und eigentlich alles gemacht, was nach draußen getragen wurde. Und das Verrückte war: Es gab, glaub ich, kein Video, das nicht zumindest halbwegs viral gegangen ist. Die lagen alle irgendwo zwischen 300.000 und 500.000 Aufrufen. Das ist halt eine unfassbare Reichweite.

Vor allem zu sehen, dass die Leute da wirklich Bock drauf hatten und das so angenommen haben, war schon krass.

Ich hab da zwar wenig Freizeit gehabt und unfassbar viel gearbeitet, aber ich glaub, das war so ein Wochenende, an dem man wirklich sagen kann: Da hast du deinen Traum gelebt.

Das zeigt ja auch, dass Ruhrpott-Humor nicht nur hier funktioniert.

Ja, total.

Klar gibt’s Wörter, bei denen sich Leute außerhalb vom Ruhrpott denken: „Wat soll dat denn jetzt heißen?“ Aber wenn man jetzt nicht komplett im tiefsten Ruhrpott-Slang spricht, sondern vielleicht so siebzig Prozent, dann verstehen die Leute das trotzdem.

Und ich glaub, unsere Sprache ist einfach herzlich. Sehr offen. Sehr direkt. Das merken die Menschen.

Du wirst oft mit Atze Schröder verglichen. Nervt dich das?

Nee.

Erst mal ist das natürlich ein riesiges Kompliment. Ich liebe Atze. Ich bin mit ihm groß geworden. Aber ich würde mich niemals mit ihm vergleichen. Der hat Comedy in Deutschland geprägt. Fernsehen. Shows. „Alles Atze“. Der hat einfach unglaublich viel verändert. Ich geh aber einen ganz anderen Weg. Ich hab Bock, draußen zu sein. Ich hab Bock auf Festivals. Ich hab Bock, als Reporter unterwegs zu sein. Lass mich irgendwo mit Menschen quatschen. Das macht mir Spaß.

Ich glaube, wir unterscheiden uns einfach darin, wie wir Comedy machen. Wenn Leute sagen, ich erinnere sie an Atze, freu ich mich natürlich. Aber ich will nicht der neue Atze Schröder sein. Ich will ihn auch nicht kopieren.

Wir haben uns tatsächlich noch nie getroffen. Aber ich hoffe einfach, dass wir uns irgendwann mal die Hand geben können und alles ist gut. Manchmal hab ich das Gefühl, dass die Leute im Internet daraus mehr machen als wir beide.

Ich hab in meinem Comedy-Programm einen Gag über ihn. Einfach, weil die Leute mich ständig mit ihm vergleichen. Ich komme im Unterhemd und mit Jogginghose auf die Bühne. Die Leute wissen erst mal gar nicht, wat da jetzt passiert. Dann sag ich: „Ich seh ein bisschen aus, als hätte Atze Schröder meine Mutter lang gemacht.“ Das ist einfach nur die Einordnung. Weil die Leute dann sofort wissen: Ah, okay… daher kommt der Vergleich. Mehr ist das aber auch nicht.

Was sind deine Ziele? Wovon träumst du noch?

Ich will einfach wissen, wo die Reise endet. Nicht, wie groß ich werden kann. Sondern: Wo endet das alles? Wie weit kann man mit dem Ruhrpott kommen?
Und damit mein ich gar nicht, den Ruhrpott für mich zu beanspruchen. Sondern zu zeigen, was von hier aus alles möglich ist. Ich möchte Soloshows spielen. Große Soloshows. Ich möchte auf die Bühne. Und ich möchte gleichzeitig Dinge verändern.

Ich beschäftige mich jetzt schon mit Charity-Projekten, obwohl ich meine erste große Solotour noch gar nicht gespielt hab. Ich kann mit Sicherheit nicht allen Menschen helfen. Aber ich kann versuchen, meinen Teil beizutragen.

Und was mir auch wichtig ist: Kunst muss bezahlbar bleiben. Wenn Agenturen kommen und sagen: „Dein erstes Soloticket muss 35 Euro kosten“, dann sag ich erst mal: „Warum?“ Lass uns doch bei 20 Euro anfangen. 15 Euro Unterschied sind für viele Menschen richtig viel Geld. Gerade heute. Ich will nicht, dass Kultur irgendwann nur noch für Leute da ist, die genug Geld haben.

Natürlich muss man irgendwann rechnen. Wenn die Hallen größer werden, steigen auch die Kosten. Davon muss ich am Ende auch leben. Aber ich werde immer versuchen, die Tickets so günstig wie möglich zu halten. Weil ich möchte, dass möglichst viele Menschen sich das anschauen können.

Du kannst mittlerweile von dem leben, was du machst. Was hast du vorher gemacht?

Also, ich sag dir ehrlich: Ich hab dieses Land gemolken, solange es ging. Wirklich. Ich hab jede Sozialhilfe mitgenommen, die ich kriegen konnte. Ich war viel arbeitslos. Und zwischendurch hab ich immer wieder Jobs gemacht, mit denen ich mich irgendwie über Wasser halten konnte. Ich hatte halt einfach einen Traum. Und den wollte ich leben.

Ich sag mal so: Im Kern bietet Deutschland nicht wahnsinnig viel für Leute wie mich an. Also für Leute, die irgendwann sagen: „Pass auf, ich hab einen Traum und ich will den jetzt verfolgen.“

Also hab ich mir mein eigenes Konzept gebaut. Und das Konzept hieß dann irgendwann Bürgergeld.

Mein Vater hat immer gesagt: „Mein Sohn holt sich meine Steuern zurück.“ Der fand meine Art zu leben am Anfang auch überhaupt nicht geil. Heute sind wir wie Pech und Schwefel. Und natürlich ist das für mich auch eine kleine Genugtuung, heute sagen zu können: „Ich hab dir doch gesagt, dass das irgendwann klappt.“ Ich hab aber auch gearbeitet. Ich war Altenpfleger. Ich hab im Lager gearbeitet. Ich hab eine Ausbildung zum Automobilkaufmann gemacht. Ich hab zuletzt bei Flaschenpost gearbeitet. Ich war Barkeeper – hier in Rüttenscheid in der Zweibar.

Also ich hab wirklich alles Mögliche gemacht. Aber immer mit dem Gedanken im Kopf, irgendwann von meiner Kunst leben zu können.

Gab es Momente, in denen du dachtest: Jetzt klappt das vielleicht doch nicht?

Klar.

Aber wenn mich heute jemand fragt, ob ich Angst davor habe, irgendwann mal in eine Existenzkrise zu rutschen, dann muss ich immer ein bisschen lachen.

Junge … ich hab die Existenzkrise doch schon gehabt! Da war ich noch meilenweit von dem hier entfernt.

Ich hab mit 538 Euro gelebt. 400 Euro Miete. 138 Euro zum Leben. Das hab ich mir ausgesucht. Aber schön war das trotzdem nicht. Viele haben dann gesagt: „Wie kannst du denn so leben?“ Aber ich hab ja nicht wie ein König gelebt. Ich hab einfach versucht, irgendwie meinem Traum hinterherzulaufen. Und wenn man das lange genug macht, dann gewöhnt man sich auch daran, mit wenig auszukommen. Heute bin ich einfach froh, dass ich sagen kann: Es hat funktioniert.

Social Media hat dir wahrscheinlich extrem dabei geholfen. Wie sieht dein Alltag heute aus? Wie viele Videos machst du?

Mindestens eins am Tag. Die ganzen Kurzvideos für Instagram, TikTok und YouTube Shorts mach ich komplett alleine. Ich schreib meine Skripte. Ich dreh die Videos. Ich schneid die Videos.

Alles.

Für die längeren YouTube-Sachen arbeite ich mit zwei Leuten zusammen. Und alles Organisatorische übernimmt mein Management. Aber die Videos, die die Leute jeden Tag sehen, entstehen komplett bei mir.

Du wirkst in deinen Videos immer sehr spontan. Planst du trotzdem viel?

Ja. Die meisten denken immer, ich stell mich irgendwo hin und laber einfach drauf los. Aber hinter so einem Video steckt schon Arbeit. Ich überleg mir die Idee. Ich schreib den Ablauf. Ich weiß ungefähr, wo der Gag sitzen muss. Natürlich passiert unterwegs auch viel spontan. Gerade wenn ich mit Menschen rede. Aber einfach drauflos filmen – das funktioniert meistens gar nicht so gut, wie viele denken.

Wie gehst du mit Hate-Kommentaren um?

Eigentlich ganz gut. Mir macht das teilweise sogar Spaß. Die Leute sagen immer: „Nimm dir das doch nicht so zu Herzen.“ Dabei nehm ich mir das oft gar nicht zu Herzen. Ich mach mich eher über den Kommentar lustig.

Ich zeig einfach: Guck mal, wat für’n Quatsch manche Leute schreiben.

Natürlich gibt’s auch Kommentare, die treffen. Das wäre gelogen, wenn ich sagen würde, da prallt alles an mir ab. Aber dann red ich mit meinen Freunden. Ich glaub, mit sowas sollte man nicht alleine sein. Das kann ganz schnell giftig werden.

Und ich hab das Glück, dass ich Menschen um mich rum hab, die mich dann auch wieder auf den Boden holen.

Du bist im Ruhrgebiet unterwegs wie kaum ein anderer Creator. Hast du einen Lieblingsort?

Schwierige Frage. Ich glaub, Lieblingsorte haben ganz viel mit Kindheit zu tun.

Bei mir ist das der Zugang zur Ruhr beim Eisenbahnmuseum in Bochum-Dahlhausen. Da haben wir gefühlt unsere komplette Kindheit verbracht. Als wir klein waren, aber später auch noch. Den 18. Geburtstag von meinem besten Freund haben wir da unten gefeiert. Immer wenn ich da bin, werd ich total nostalgisch. Das kostet mich manchmal sogar Überwindung, da hinzugehen. Weil da einfach so viele Erinnerungen dranhängen.

Aber grundsätzlich fühl ich mich im ganzen Ruhrgebiet zuhause.

Ich dachte früher immer, das wäre überall so. Bis ich irgendwann mal in Berlin war. Da hab ich gemerkt: Nee. Ist es nicht. Ich bin Essener. Aber ich hab noch nie nur für Essen Werbung gemacht. Ich liebe Bochum. Ich liebe Duisburg. Ich liebe Dortmund. Ich liebe den ganzen Ruhrpott. Weil ich mich überall zuhause gefühlt hab. Und genau deshalb mach ich den Content.

Nicht für eine Stadt. Sondern für das ganze Ruhrgebiet.

Viele verstehen das nicht, weil sie ihren Lokalpatriotismus haben. Und den find ich auch schön. Aber für mich ist eben das gesamte Ruhrgebiet Heimat.

Du sprichst im Interview oft von deinem Vater. Von deiner Mutter hast du bisher kaum erzählt.

Ja … das ist tatsächlich ein sensibles Thema. Meine Mama ist vor fünf Jahren gestorben.

Ich bin natürlich mit meiner Mutter und meinem Vater groß geworden. Es ist nur so, dass sich das irgendwann in meinem Sprechen verändert hat. Ich rede ganz oft von mir und meinem Vater. Nicht, weil meine Mutter nicht wichtig war. Sondern weil’s manchmal einfach schwer ist. Aber trotzdem finde ich, dass es wichtig ist, über Gefühle zu sprechen.

Meine Mama war ein Engel.
Wirklich.
Der beste Mensch der Welt.

Es gibt Tage, da kann ich ganz normal über sie sprechen. Und dann gibt’s Tage wie heute. Da fällt mir das einfach schwer. Deshalb rede ich dann automatisch mehr über meinen Vater. Aber wir waren immer eine Familie. Meine Mutter, mein Vater und ich. Und meine Schwester natürlich auch.

Gerade eben hast du gesagt, dass du über Gefühle sprechen wichtig findest. Warum?

Weil ich finde, dass im Internet ganz oft so getan wird, als hätten Menschen keine Gefühle. Als wäre alles oberflächlich. Alles wäre geil. Alles wäre perfekt. Aber das ist das Leben halt nicht.

Ich kann im Internet der Lustige sein. Das macht mir auch Spaß. Aber wenn ich mit jemandem zusammensitze und ein richtiges Gespräch führe, dann gehören eben auch die anderen Themen dazu. Und dann gibt’s für mich auch nicht dieses: „Das dürfen wir jetzt nicht zeigen.“ Wenn ich über etwas sprechen kann, dann sprech ich darüber. Und wenn ich merke, dass ich heute nicht darüber sprechen kann, dann ist das auch okay. Gerade bei meiner Mama. Da merk ich manchmal einfach, dass ich mich selbst schützen muss.

Ich hab überhaupt kein Problem damit, den Leuten zu zeigen, dass ich auch Schmerzen hab. Im Gegenteil. Wenn jemand das Interview liest und merkt: „Ey, dem geht’s manchmal genauso wie mir“, dann ist das doch was Schönes. Dann teilt man diesen Schmerz vielleicht für einen kurzen Moment.

Und genau dafür sind Gespräche doch da.

Im Moment schreiben viele Menschen in den sozialen Medien unter schöne Bilder, wie schlecht es ihnen eigentlich ging. Was hältst du davon?

Ja … Da muss man ein bisschen aufpassen, dass Gefühle nicht zum Trend werden.

Du kennst das ja. Da wird ein wunderschönes Bild gepostet. Und darunter steht dann: „Da hatte ich meine erste Panikattacke.“ Ich will das gar nicht schlechtreden. Überhaupt nicht. Aber manchmal hab ich das Gefühl, dass da mehr durch die Blume gesprochen wird als wirklich miteinander.

Ich bin da einfach anders. Wenn ich über Gefühle reden will, dann rede ich darüber. Richtig. Nicht nur mit einem Satz unter einem Bild. Deshalb hab ich mir auch irgendwann „Feelings over Trend“ tätowieren lassen. Weil Gefühle für mich wichtiger sind als jeder Trend.

Immer.

Wenn dein Leben ein Comic wäre – welche Figur wärst du?

Iron Man.

Früher war ich, glaub ich, ein ziemlich egoistisches und ignorantes Arschloch. Zumindest hab ich das von mir selbst gedacht. Ich hab immer gedacht, ich hätte gar kein Herz. Dass mich nichts wirklich berührt.

Und in den letzten Jahren bin ich mir selbst so nah gekommen wie noch nie. Ich hab gemerkt, dass ich eigentlich unfassbar viel Liebe in mir trage. Ich hab nur ganz lange alles weggeschoben.

Aus Selbstschutz.

Es gibt bei Iron Man diesen Glaskasten mit seinem Herzen. Der steht ja irgendwie dafür, dass da doch immer ein Herz war. Und am Ende opfert er sich komplett selbstlos. Diese Selbstlosigkeit bedeutet mir total viel. Ich hab immer gesagt: Ich mach alles für andere. Aber ganz selten was für mich. Heute merke ich, dass ich die Dinge gar nicht mache, weil ich muss. Sondern weil ich einfach unglaublich viel Liebe in mir hab. Deshalb fühl ich mich Tony Stark emotional tatsächlich ziemlich nah.

Auch wenn ich weder Millionen hab, noch ein Superheld bin.

Das Interview führten wir im Juni 2026.

Das Interview bietet einen Einblick in die Gedanken, Meinungen und Perspektiven der interviewten Person zu diesem bestimmten Zeitpunkt, reflektiert aber nicht zwangsläufig ihre gesamte Persönlichkeit oder ihre langfristigen Ansichten. Das Leben verändert sich stetig. Unsere Überzeugungen, Werte und Erfahrungen entwickeln sich im Laufe der Zeit weiter. Was heute wahr oder relevant ist, kann in der Zukunft anders aussehen. Dieses Interview ist als Momentaufnahme zu verstehen.