Porträt von Eva Maria Titgemeyer aus Essen

„Ausgerechnet auf der Bühne trage ich keine Maske.“

Eva Maria Titgemeyer

August 2026

Eva Maria Titgemeyer ist 28 Jahre alt, lebt in Essen-Frohnhausen und bewegt sich in zwei Welten, die auf den ersten Blick kaum unterschiedlicher sein könnten. Als Rechtsanwältin und Strafverteidigerin beschäftigt sie sich mit organisierter Kriminalität und begegnet Menschen, die schwere Straftaten begangen haben sollen. Wenn sie nicht in der Kanzlei oder im Gerichtssaal sitzt, tauscht sie Robe gegen Bass: Eva spielt bei der Medieval-Electro-Band Heimatærde und steht vor Tausenden Menschen auf der Bühne. Im Gespräch erzählt sie, warum gerade dort die Masken fallen, weshalb sie nicht jeden Fall verteidigen würde und warum Glück für sie heute wichtiger ist als eine perfekte Karriere.

Eva, stell dich doch erst einmal kurz vor. Wer bist du und was machst du?

Ich bin Eva, 28 Jahre alt und wohne in Essen. Von Beruf bin ich Rechtsanwältin und Strafverteidigerin. Ich arbeite angestellt in einer Kanzlei mit Sitz in Düsseldorf. Und auf der anderen Seite gibt es bei mir noch die Musik.

Wenn dich jemand fragt, was du machst – nennst du dann zuerst deinen Beruf oder die Musik?

Meistens schon meinen Beruf. Ich habe darüber aber letztens nachgedacht, weil wir bald zehnjähriges Abitreffen haben. Da kommt ja diese klassische Frage: „Und, was ist aus dir geworden?“

Der erste Impuls ist meistens, mit seinem Beruf zu antworten. Da habe ich mich gefragt: Warum ist das eigentlich so wichtig? Warum definieren wir uns so stark darüber, was wir beruflich machen? Es gibt schließlich sehr viele Dinge, die einen Menschen ausmachen und die überhaupt nichts mit seinem Beruf zu tun haben. Ich führe viele Gespräche mit mir selbst und denke unglaublich viel nach. Irgendwann habe ich mich deshalb gefragt, was ich eigentlich antworten würde, wenn jemand wirklich wissen möchte, was aus mir geworden ist.

Im Endeffekt würde ich sagen: Ich bin einfach glücklich geworden.

Dazu gehört mein Beruf, dazu gehört die Musik, aber auch mein Umfeld, meine Freunde und genauso die persönlichen Niederschläge, die ich erlebt habe. All das gehört zu mir.

Die Musik ist für dich aber trotzdem kein Beruf?

Nein, für mich ist sie ein Hobby. Heutzutage wird es zunehmend schwieriger, mit der Musik Geld zu verdienen. Ich persönlich mache das aber ohnehin nicht deswegen. Unser Produzent, Songwriter und Sänger ist Vollblutmusiker und ich freue mich, dass ich dabei sein, auf der Bühne stehen und all diese Erfahrungen machen kann. Auch die anderen Bandmitglieder verzichten teilweise auf Geld. So kann die Band weiterleben, und wenn etwas übrig bleibt, wird es wieder in die Band gesteckt.

In was für einer Band bist du und was macht ihr genau für Musik?

Ich spiele bei Heimatærde. Die Band gibt es schon ziemlich lange, ungefähr seit 2004. Musikalisch machen wir eine Mischung aus mittelalterlichen Elementen und Electro und bewegen uns damit eher in der Gothic- beziehungsweise Schwarzen Szene. Das ist eigentlich gar nicht genau die musikalische Ecke, aus der ich ursprünglich komme. Ich habe früher vor allem Metal und Metalcore gehört. Aber gerade diese Mischung finde ich inzwischen sehr spannend.

In der Band spiele ich Bass. Den gab es vorher so gar nicht, weil bei Heimatærde viel elektronisch passiert und ein Bass deshalb nicht zwingend notwendig war. Irgendwann kam aber die Idee auf, dass ein Live-Bass noch einmal ein cooles zusätzliches Element sein könnte.

So bin ich letztlich zur Band gekommen.

Seit wann spielst du Bass?

Eigentlich habe ich mit sieben Jahren angefangen, Geige zu spielen. Das mache ich auch heute noch und immer noch sehr gerne. Musikalisch hat sich mein eigener Geschmack aber relativ früh in eine andere Richtung entwickelt. Meine Eltern haben viel Rammstein gehört und dadurch habe ich das natürlich auch gehört. Ich weiß noch, dass meine Eltern auf einem Rammstein-Konzert waren, als ich ungefähr acht war, und ich total sauer war, weil sie mich nicht mitgenommen haben.

Mit zwölf oder dreizehn fing ich dann an, viel Metalcore zu hören. Meine Hobbys passten damals vielleicht nicht unbedingt zu dem Bild, das man damit verbindet: Ich habe Schach gespielt, Ballett getanzt und Geige gespielt – und gleichzeitig Metal gehört.

Konntest du diese beiden musikalischen Welten auf der Geige verbinden?

Ich habe es versucht. Ich habe zum Beispiel moderne Sachen wie Queen auf der Geige gespielt. Aber das hat mich nie richtig befriedigt. Bei der Geige bin ich immer bei der klassischen Musik geblieben – eigentlich sogar sehr klassisch. Schon Mozart war mir fast zu modern. Am liebsten habe ich Bach, Vivaldi und Barockmusik gespielt.

Gleichzeitig wollte ich aber selbst an der Musik teilhaben, die ich privat hörte. Also habe ich mit 14 angefangen, Bass zu spielen. Ich habe mir einen Bass gekauft und mir das Spielen zunächst autodidaktisch beigebracht. Später habe ich in der Schul-Bigband gespielt und darüber immer mehr gelernt.

Du hattest dann sogar Unterricht bei einem ziemlich bekannten Bassisten.

Genau, irgendwann lernte ich Peter Sonntag kennen, eine echte Basslegende. Ich komme ursprünglich aus dem Rheinland, aus Stolberg bei Aachen, und hatte dann Unterricht bei ihm. Lange Zeit war deshalb eigentlich klar: Eva wird Musikerin. Ich dachte auch selbst, dass ich Musik studieren würde.

Und dann hast du deine Meinung geändert?

Ungefähr zwei Monate vor dem Abi habe ich plötzlich gemerkt: Nein, ich möchte Musik doch nicht studieren. Ich wollte nicht den Druck haben, mit Musik mein Geld verdienen zu müssen. Ich wollte mir die Leichtigkeit erhalten, die mir Musik gibt. Damals war das vor allem ein Bauchgefühl. Heute kann ich viel besser erklären, warum das für mich die richtige Entscheidung war.

Ich bin ein sehr verkopfter Mensch. Mein Kopf arbeitet ständig. Ich denke den ganzen Tag, denke teilweise viel zu viel und gerate in irgendwelche Gedankenschleifen.

Wenn ich Musik mache, ist das anders. Dann ist mein Kopf frei. Und genau das wollte ich mir nicht nehmen lassen.

Wie wurde aus dem geplanten Musikstudium dann ausgerechnet Jura?

Ich bin zu meinen Eltern gegangen und habe gesagt: „Ich möchte doch nicht Musik studieren.“ Sie haben gefragt: „Okay, was möchtest du denn stattdessen machen?“ Und ich sagte: „Jura.“ Meine Eltern waren erst einmal völlig verwirrt. Das kam für sie aus dem Nichts.

Dann habe ich tatsächlich Jura studiert und bin heute sehr, sehr glücklich mit dieser Entscheidung. Im Nachhinein war es wahrscheinlich genau das, was ich damals unbewusst gesucht habe: Ich habe einen sicheren Beruf, der mir sehr viel Freude macht, und gleichzeitig bleibt die Musik mein Ausgleich. Dort hängt für mich kein finanzieller Druck dahinter.

Für dein Studium bist du ins Ruhrgebiet gekommen.

Genau. Ich bin fürs Studium nach Bochum gezogen und habe dort sechs Jahre gelebt. Währenddessen hatte ich eine Werkstudentenstelle in einer Kanzlei in Essen. Vorher hatte ich Essen ehrlich gesagt überhaupt nicht richtig auf dem Schirm. Für mich war Essen einfach eine Station, an der der RE1 hält, wenn man zwischen Aachen und Bochum unterwegs ist.

Durch die Arbeit änderte sich das. Und interessanterweise führte mich diese Arbeit nicht nur nach Essen, sondern indirekt auch zu meiner heutigen Band.

Wie kam es dazu?

Über den beruflichen Kontext lernte ich unseren Gitarristen kennen. Irgendwann kamen wir auf Musik zu sprechen. Ich habe mir drei Songs herausgesucht und überlegt, was man mit dem Bass daraus machen könnte. Fertige Bassnoten gab es dafür natürlich nicht. Dann bin ich zu einer Probe gegangen und habe vorgespielt.

Und wir haben ziemlich schnell gemerkt: Das passt. Persönlich wussten wir schon vorher, dass es funktioniert. Und musikalisch hat es dann eben auch gematcht.
Und dann ging es direkt auf eine ziemlich große Bühne.

Mein erster Auftritt mit Heimatærde war gleich vor ein paar Tausend Menschen beim Plage Noire in Schleswig-Holstein. Das hat mich direkt gefesselt.

War das dein erster Bühnenauftritt überhaupt?

Nein. Ich hatte früher schon kleinere Metalcore- und Schulbands und habe mit denen zum Beispiel bei Bandcontests gespielt. Da stand man vielleicht vor hundert Leuten.

Durch das Ballett kannte ich Auftritte ebenfalls und natürlich durch die klassische Musik. Ich war unter anderem im Jugendsinfonieorchester in Aachen und zeitweise im Uniorchester Bochum. Auch bei den Hernern Symphonikern habe ich einmal mitgespielt.

Aber das ist etwas anderes. Im Orchester sitzen viele Menschen gemeinsam auf der Bühne und die Aufmerksamkeit konzentriert sich nicht so stark auf einen selbst. Mit einer Band vor mehreren Tausend Menschen zu stehen, war noch einmal etwas völlig anderes. Und danach wollte ich dieses Gefühl nicht mehr missen.

Woher kommen die anderen Mitglieder von Heimatærde?

Wir sind ziemlich im Ruhrgebiet verteilt. Essen, Bottrop, Herdecke – solche Ecken. Wir proben hier in Essen.

Du bewegst dich mit der Band in der Schwarzen Szene. Wie erlebst du die?

Ich finde die Szene wahnsinnig spannend und vor allem sehr angenehm. Es gibt darin so viele unterschiedliche Stilrichtungen. Manche gehen stärker in Richtung Vampirästhetik, andere haben viktorianische Einflüsse. Das sieht teilweise unglaublich beeindruckend aus.

Schlüpfst du auf der Bühne selbst in eine Rolle?

Nein. Eigentlich würde ich sogar das Gegenteil sagen.

Ich schlüpfe im Alltag permanent in irgendwelche Rollen. Ich sitze hier in einer Rolle, in der Kanzlei habe ich eine Rolle, bei anderen Gelegenheiten wieder eine andere. Am Anfang war das auf der Bühne sicherlich auch so. Da denkt man darüber nach: Wie bewege ich mich? Sieht das gerade doof aus? Was mache ich mit meinem Körper?

Mittlerweile habe ich Routine. Wenn ich auf der Bühne stehe, einfach spiele und mich so bewege, wie es sich für mich in diesem Moment richtig anfühlt, dann habe ich das Gefühl, dort am meisten ich selbst zu sein.

Ausgerechnet auf der Bühne trage ich keine Maske.

Bist du vor Tausenden Menschen auf der Bühne nervöser – oder wenn du vor einem Richter sprechen musst?

Momentan tatsächlich noch im Gericht.

Natürlich bin ich vor Konzerten auch manchmal angespannt. Aber sobald das Konzert anfängt, ich die Menschen sehe und die ersten Töne spiele, bin ich sehr schnell drin und kann mich fallen lassen.

Im Gerichtssaal habe ich ebenfalls gerne meine Rolle. Aber als Rechtsanwältin arbeite ich erst seit ungefähr einem Jahr. Auf Bühnen stehe ich schon viel länger. Vielleicht liegt es daran.

Du bist Strafverteidigerin. Wie erlebt man diesen Beruf, wenn man gerade erst angefangen hat?

Erstaunlicherweise werden viele Dinge sehr schnell normal.

Ich glaube, es gibt einiges aus meinem Arbeitsalltag, bei dem andere Menschen denken würden: „Krass.“ Für mich ist es inzwischen teilweise schwierig einzuschätzen, was davon für Außenstehende ungewöhnlich ist.

Ich habe permanent mit Menschen zu tun, denen Straftaten vorgeworfen werden. Das ist ein Bereich, mit dem viele Menschen in ihrem normalen Alltag überhaupt keine Berührungspunkte haben. Dann sitzt man beispielsweise in einer JVA einem Menschen gegenüber, der seine Frau auf brutalste Weise ermordet haben soll. Und trotzdem sitzt dort erst einmal ein Mensch vor einem. Man führt ein normales Gespräch. Unter Umständen lacht man sogar miteinander. Dann sitzt man später auf der Rückfahrt im Auto und denkt kurz: Eigentlich ist das schon eine sehr merkwürdige Situation. Aber dann muss ich mir sagen: Das ist mein Beruf.

Fällt es dir schwer, den Menschen und die Tat voneinander zu trennen?

Manchmal schon. Man hat einen Menschen vor sich und muss diesen Menschen mit dem in Verbindung bringen, was in der Akte steht. Das kann schwierig sein. Aber mein Beruf hat nicht die Aufgabe, eine Tat zu relativieren oder schönzureden. Eine Straftat bleibt eine Straftat.
Trotzdem darf ich den Menschen dahinter sehen.

Gerade in dem Bereich, in dem ich viel arbeite – organisierte Kriminalität und beispielsweise Betäubungsmitteldelikte – begegnet man Menschen, die teilweise in einer völlig anderen Realität aufgewachsen sind. Das finde ich sehr wichtig.

Richter, Staatsanwälte und auch wir Anwälte haben häufig ein vergleichsweise privilegiertes Leben geführt. Aber nicht jeder Mensch hatte dieses Glück. Nicht jeder lebt dieselbe Realität. Und für diesen Blick bin ich als Strafverteidigerin auch da.

Gibt es trotzdem Mandanten, bei denen du manchmal an deine Grenzen kommst?

Natürlich. Wir haben beispielsweise auch mit psychisch erkrankten Mandanten zu tun. Ich hatte einmal einen Mandanten, der überzeugt davon war, selbst fantastische juristische Schriftsätze schreiben zu können. Eigentlich sollten wir nur noch unseren Briefkopf daraufsetzen. Das haben wir natürlich nicht gemacht. Aber ihm zu vermitteln, dass wir nicht einfach alles so machen, wie er es möchte, war ziemlich anstrengend.

Gibt es Fälle, die du grundsätzlich nicht übernehmen würdest?

Ja. Sexualstraftaten, bei denen Kinder involviert sind, mache ich grundsätzlich nicht. Bei Sexualstraftaten unter Erwachsenen schaue ich mir den konkreten Fall an und entscheide dann, ob ich persönlich damit umgehen kann. Dabei geht es nicht darum, ob ich eine Tat moralisch in Ordnung finde. Die meisten Straftaten, die ich verteidige, würde ich nach meinen eigenen moralischen Vorstellungen selbstverständlich nicht begehen.

Ich muss vielmehr überlegen: Kann ich mit diesem Fall psychisch umgehen? Kann ich mir die Akte ansehen und anschließend nach Hause gehen, ohne dass sie mich dauerhaft verfolgt? Bei kinderpornografischem Material ist meine Grenze erreicht. Das lehne ich kategorisch ab. Auch bei bestimmten schweren Sexualstraftaten würde ich Nein sagen. Ich habe glücklicherweise einen Arbeitgeber, der mir die Freiheit gibt, diese Grenzen selbst zu setzen.

Du stehst aber nicht ausschließlich auf der Seite von Beschuldigten.

Nein. Ich übernehme auch Nebenklagen. Demnächst habe ich meine erste Nebenklage. Dort vertrete ich ein junges Mädchen in einem Sexualstrafverfahren. Das ist natürlich noch einmal eine ganz andere Perspektive. Ich kenne Kollegen, die sagen, dass sie die Arbeit auf Opferseite teilweise sogar stärker belastet hat, gerade weil solche Verfahren nicht immer so ausgehen, wie man es sich wünschen würde.

Ich mache das jetzt zum ersten Mal und gehe davon aus, dass ich damit gut umgehen kann. Aber das ist eine Seite des Strafrechts, die ich ebenfalls vertreten möchte.

Wissen deine Mandanten eigentlich, dass ihre Anwältin nebenbei auf Gothic-Festivals Bass spielt?

Sie könnten es herausfinden, wenn sie wollten. Ich benutze beruflich zum Beispiel meine private Handynummer. Auf meinem Profilbild bin ich auf einer Bühne zu sehen. Wenn jemand genau hinsieht oder gezielt sucht, kann er also darauf kommen. Aber ich lege keinen großen Wert darauf, dass mein Name überall mit der Band auftaucht. Das ist mir nicht wichtig. Ich stehe nicht auf der Bühne, damit Leute meinen Namen kennen. Mir ist tatsächlich egal, ob vor der Bühne zwei Menschen oder zehntausend stehen.

Gib mir einen Bass, stell mich auf eine Bühne – und ich fühle mich wohl.

Du hast vorhin gesagt, dass einen Menschen auch die Dinge prägen, die nicht gut gelaufen sind. Gab es in deinem Leben eine Phase, die dich besonders verändert hat?

Ja. Es gab sehr dunkle Phasen in meinem Leben.

Ich hatte Zeiten, in denen ich an Dingen, die ich eigentlich liebe, überhaupt keine Freude mehr hatte. Ich habe keine Musik mehr gemacht und zeitweise sogar überlegt, ob ich meinen Beruf überhaupt noch machen möchte. Das Schwierige war lange, dass mein Leben von außen immer sehr gut aussah.

Ich bin sehr privilegiert aufgewachsen und dafür unglaublich dankbar. Ich habe eine tolle Familie, hatte immer Freunde, war gut in der Schule – von außen wirkte vieles wie aus dem Bilderbuch. Wenn ich gesagt habe, dass sich trotzdem etwas nicht richtig anfühlt, kam häufig die Reaktion: „Aber du hast doch alles.“ Mein Umfeld konnte nicht verstehen, warum es mir trotzdem schlecht ging.

Und irgendwann konnte man nicht mehr übersehen, dass ich Hilfe brauchte.

Was hat diese Zeit für deinen Blick auf andere Menschen verändert?

Sehr viel.

Ich glaube, wir suchen häufig nach einem konkreten Grund dafür, warum jemand leidet. Wir denken, es müsse etwas Schlimmes passiert sein. Aber jeder Mensch hat seinen eigenen Leidensdruck. Der kann durch Erfahrungen entstehen, durch gesundheitliche Voraussetzungen, durch Traumata oder durch ganz andere Dinge. Es muss auch nicht immer einen Schuldigen geben. Diese Erkenntnis hat mir später geholfen – auch beruflich.

Ich glaube, ich habe dadurch einen anderen Blick auf manche Mandanten. Ich kann vielleicht manches besser nachvollziehen als jemand, der bestimmte Krisen selbst nie erlebt hat. Gleichzeitig habe ich gelernt, meine eigenen Grenzen wahrzunehmen. Ich weiß heute besser, wann ich mich aus einer Situation herausnehmen muss, bevor sie mich überfordert. Und ich glaube, davon profitieren letztendlich auch meine Mandanten.

Hat diese Erfahrung auch verändert, was Erfolg für dich bedeutet?

Definitiv. Ich weiß heute sehr genau, dass es wichtiger ist, glücklich zu sein, als möglichst viel Geld zu verdienen oder irgendeinem Bild von Erfolg hinterherzulaufen. Natürlich ist mir mein Beruf wichtig. Ich arbeite gerne und möchte gut darin sein. Aber ich muss auf mich achten.
Diese Lektion habe ich vielleicht früher gelernt als andere – und auch auf eine sehr harte Weise. Aber heute kann ich etwas daraus mitnehmen.

Was macht dich heute glücklich?

Das ist gar nicht so leicht zu beantworten.

Vor ein paar Tagen hat mich auf der Straße ein Fotograf angesprochen und gefragt, ob er Bilder von mir machen darf. Der hat mich anschließend genau das gefragt: „Was macht dich glücklich?“ Und ich stand genauso da und dachte: Keine Ahnung! Ich habe schließlich „Beständigkeit und Sicherheit“ geantwortet.

Meine Beziehung macht mich sehr glücklich. Ich habe einen ganz tollen und sehr unterstützenden Partner. Wir kennen uns schon seit ungefähr zwölf Jahren, auch wenn wir noch nicht so lange ein Paar sind. Mein Beruf macht mich glücklich. Die Musik macht mich glücklich. Meine Freunde und meine Familie machen mich glücklich. Ich glaube, ich kann daraus keine Rangliste machen.

Du kommst ursprünglich aus Stolberg bei Aachen. Warum bist du irgendwann von Bochum nach Essen gezogen?

Das war tatsächlich wieder so eine Bauchentscheidung. Nachdem ich in Bochum gewohnt hatte und durch meine Arbeit Essen immer besser kennenlernte, fand ich die Stadt einfach cool. Ich hatte irgendwann das Gefühl: Ich möchte nach Essen. Die besten Entscheidungen meines Lebens sind erstaunlich oft aus einem Bauchgefühl heraus entstanden. Hinterher kann ich meistens erklären, warum sie richtig waren. Aber im Moment selbst ist es einfach ein Gefühl.

Was magst du besonders am Ruhrgebiet und an Essen?

Essen ist nicht verstellt. Ich finde die Stadt sehr ehrlich.

Und ich komme aus Stolberg, da ist im Vergleich einfach nicht besonders viel. Deshalb genieße ich es auch, dass man von Essen aus überall sehr schnell hinkommt.
Am wichtigsten ist für mich aber dieses Gefühl: Ich kann hier sein, wer ich bin. Das mag ich an Essen.

Zum Schluss kommt unsere Comicfrage: Wenn dein Leben ein Comic wäre – welche Figur wärst du?

Das ist schwierig, weil ich mich mit Comics gar nicht so gut auskenne.

Mein erster Impuls geht tatsächlich eher in Richtung Bösewicht, obwohl ich eigentlich gar keiner bin. Aber die sehen meistens einfach cooler aus. Von der Optik her musste ich zum Beispiel an Maleficent denken. Ich weiß allerdings gar nicht genug über die Figur, um sagen zu können, ob ihr Charakter wirklich zu mir passt.
Shego aus „Kim Possible“ finde ich auch ziemlich cool. Vielleicht wäre es also Shego. Zumindest sehe ich mich da eher als bei der klassischen Prinzessin.

 

Eva Maria Titgemeyer aus Essen, zweites Porträt aus dem Interview

Eva Maria Titgemeyer

Das Interview führten wir im August 2026.

Das Interview bietet einen Einblick in die Gedanken, Meinungen und Perspektiven der interviewten Person zu diesem bestimmten Zeitpunkt, reflektiert aber nicht zwangsläufig ihre gesamte Persönlichkeit oder ihre langfristigen Ansichten. Dieses Interview ist als Momentaufnahme zu verstehen.

Weitere Gesichter

  • Dagny Holle-Lee

    Oktober 28, 2026

  • Benjamin Nauschütz

    Oktober 28, 2026

  • Arnulf Vosshagen

    Oktober 28, 2026

  • Helge Jepsen

    Oktober 28, 2026