Kay Shanghai2019-01-11T14:59:31+00:00

Project Description

Kay Shanghai aus Mülheim an der Ruhr

„Die Nacht hat mich immer fasziniert.“

Hallo Kay, stell dich bitte kurz vor!

Ich bin Kay Shanghai, Clubikone aus Mülheim. Ich bin seit gut 20 Jahren Partyveranstalter. Seit 15 Jahren gibt es meinen Club Hotel Shanghai in Essen.

Warum hast du dich für einen eigenen Club entschieden?

Ich habe in der Punkszene im Autonomen Zentrum in Mülheim mit Partys angefangen, teilweise habe ich auch Veranstaltungen in größeren Locations in Mülheim gemacht. Ich habe damals schon mit den beiden Dragqueens Cybersissy und BayBjane gearbeitet. Wir sind gut befreundet und die beiden machen coole Shows. Aber den Leuten war das damals irgendwie nicht ganz geheuer. Da kam es vor, dass ich bei meiner eigenen Party rausgeschmissen wurde. Ein, zwei Mal war das cool, weil die Gäste dachten, das sei inszeniert. Aber auf Dauer geht das natürlich nicht. Deshalb habe ich mich entschieden, in selbstbestimmte Gefilde zu wechseln und meinen eigenen Club eröffnet.

Wo bist du geboren?

In Wuhan in China. Mein Vater war Ingenieur aus Essen, meine Mutter ist Italienerin. Sie ist aber in Äthiopien geboren, das war früher eine italienische Kolonie. Meine Eltern haben sich in Afghanistan kennengelernt. Ich habe in China, Venezuela und Indonesien gelebt, bevor ich während meiner Grundschulzeit nach Essen kam.

Stimmt es, dass deine Mutter auch in deinem Club mithilft?

Ja, meine Mutter ist involviert in mein Business, das ist mir wichtig. Meine Eltern hatten ein sehr unkonventionelles Leben. Mein Vater ist vor zwei Jahren gestorben, bis zuletzt waren die beiden sehr eng. Von Anfang an haben meine Eltern sehr direkt am Club mitgestrickt. Das war ein schönes Lebenselixier für die beiden, wie ein Jungbrunnen. Meine Mutter ist jetzt Ende 70, mein Vater war über 80 Jahre alt, als er starb. Das klang immer sehr lustig, wenn mein Vater mich früher an Rechnungen erinnert hat: Wir brauchen noch eine Abrechnung von diesem oder jenem DJ. Szene-Namedropping mit 80 Jahren! Es hat den beiden immer Spaß gemacht, im Club dabei zu sein. Ich finde es auch irgendwie konsequent, dass sie sich im Alter nicht einfach zur Ruhe gesetzt haben.

Konsequent, weil sie auch früher viel auf Achse waren?

Ja, meine Eltern waren durch die Bauprojekte meines Vaters auf der ganzen Welt unterwegs. Sie hatten schöne Zeiten zusammen, zum Beispiel in Kabul, das galt in den sechziger Jahren als das Paris des Ostens und war eine sehr fortschrittliche Stadt. Meine Eltern haben immer im Ausland gelebt und mich und meine ältere Schwester im Ausland großgezogen. Meine Schwester ist in Amerika geboren und lebt dort bis heute. Bei mir war es etwas anders, ich bin ab der Grundschulzeit mit meiner Mutter in Deutschland geblieben.

Du hast also deine gesamte Schulzeit in Essen verbracht?

Nach der Grundschule war ich auf dem Don-Bosco-Gymnasium, das ist eine Jungenschule. Doch in der Oberstufe habe ich die Schule abgebrochen, weil ich mich in einen Klassenkameraden verliebt hatte. Das war erst ganz toll. Aber irgendwann haben es alle gecheckt, da wurde es dann richtig schwierig. Ich bin dann zu meiner Schwester nach Amerika gezogen und habe dort mit Schauspielerei angefangen. Später war ich in Köln auf einer Schauspielschule und habe eine Weile Theater gespielt. Aber ich habe recht schnell gemerkt, dass das nicht das Richtige für mich ist. Ich fand es irre anstrengend, ich komme mit Schauspielern nicht so gut klar. Schauspieler sind irgendwie immer in einer Rolle, das gefällt mir nicht so. Bei Musikern kann ich den Prozess besser verstehen: Die sind normal, dann gehen sie auf die Bühne und sind verrückt, und danach werden sie wieder normal.

Wie ging es nach der Schauspielzeit weiter?

Ich war immer mit Leuten zusammen, die viel gemacht haben: Fernsehen, Architektur, kreatives Zeug. Das hat mich angesteckt und ich hab angefangen, mich zu erfinden. Ich habe die ersten Partys im Kollektiv veranstaltet, aber schnell gemerkt, dass ich einen anderen Anspruch habe als die anderen; ich wollte es richtig machen. Die Dragqueens Cybersissy und BayBjane waren schon auf meinen ersten Partys dabei. Ich fand es immer gut, mit visuellen Elementen zu arbeiten. Cybercissy und BayBjane haben beide ein Handycap und ich habe gemerkt, dass das, was die machen, eine gewisse Macht hat. Wenn es Nacht ist, die Scheinwerfer angehen und sie zur Musik ihre Performance machen, ist das einfach etwas völlig anderes, das ist dann Kunst. Bei Tageslicht, wenn sie mit ihrem Köfferchen anreisen, sind es einfach nur Personen, die vielleicht ein bisschen anders aussehen. Nachts ist das anders. Da entwickelt sich was.

Hattest du ein Vorbild für deine Partys?

Ich war hier in Deutschland schon mit 14, 15 Jahren in Clubs und auch bei großen Partys wie der Mayday. Aber als ich dann mit 17, 18 in Miami bei meiner Schwester war, hab ich noch mal eine andere Art von Club kennengelernt. Verruchte Läden, mit Dragqueens, das hatte eine ganz bestimmte Intensität und Atmosphäre. Die habe ich dann später wieder ausgegraben, als es darum ging, selbst was zu machen. Bei den ersten Partys im Autonomen Zentrum haben wir zum Beispiel einen Kubus gebaut, ihn mit Plastikfolie umwickelt und darin einen Balletttänzer auftreten lassen. Daneben tanzten die Leute zu Techno. Ein anderes Mal sah ich morgens einen Bericht über Ringer in der Lokalzeitung. Ich rief den Ringerverein an und fragte, ob zwei Personen zu mir kommen würden, um auf meiner Party zu ringen. Die wollten wissen: Warum? Und ich sagte: Warum nicht? Am Ende kamen sie. Das war der Hammer. Es war immer so bei mir, dass ich nicht einfach nur eine Party machen wollte. Ich wollte den Abend komplett vollpacken und gleichzeitig verzerren.

Die Nacht hatte es dir also schon früh angetan.

Ja, die Nacht hat mich immer fasziniert. Schon als Kind in Italien war ich gerne nachts draußen. Es ist also nur konsequent, dass ich mir etwas gesucht habe, wo ich nachts arbeiten kann. Wobei ich das, was ich mache, nicht als Arbeit bezeichne. Wenn sie gut organisiert ist, fühlt sich eine Clubnacht so an, als würdest du selbst auf eine Party gehen. Das Business rückt in den Hintergrund und du gehst ganz relaxt in den Abend rein. Darum bin ich sehr froh über meinen neuen Manager, der auch als Booker gearbeitet hat. Er hat für viele Dinge genau den richtigen Blick. Es ist nicht einfach, so jemanden zu finden.

Du hast viele Acts ins Hotel Shanghai geholt, die man eigentlich in größeren Locations erwartet. Manchmal legen Musiker bei dir auch als DJs auf. Wer war schon da?

Deichkind haben bei uns live gespielt, Wanda habe ich gekriegt, kurz bevor sie durch die Decke gingen. Das war ganz knapp, bevor sie ständig im Radio liefen und nur noch Tausender-Locations spielten. Bei uns aufgelegt haben zum Beispiel Peaches und Boy George. Viele kommen inzwischen regelmäßig zum Auflegen, weil wir auch befreundet sind; zum Beispiel Clueso und Philipp Poisel.

Gab es in deinem Leben Ereignisse, die dich besonders geprägt haben?

Es gibt bestimmt das ein oder andere, was mich so gemacht hat, wie ich heute bin. Aber eigentlich habe ich immer versucht, mich durch die Sachen, die mir passiert sind, nicht großartig ändern zu lassen. Vielleicht wird man über die Jahre ein bisschen vorsichtiger und verliert ein bisschen Naivität. Aber mir ist nie etwas so Schlimmes passiert, sodass ich das Vertrauen in die Menschen verloren habe. Es ist sehr wichtig in meinem Job, dass ich mich immer wieder auf neue Personen einlassen kann. Ich nehme die Leute einfach so, wie sie sind und checke sie nicht groß ab. Allgemein beschäftige ich mich auch nicht so viel mit mir selbst; weder rückblickend, noch denke ich viel darüber nach, wer oder was ich eigentlich bin. Ich bin gedanklich meistens eher in der Zukunft und entwickle neue Ideen. Oder ich versuche einfach, mich im Jetzt wohlzufühlen.

Also gehen auch lange Clubnächte bei dir gut aus?

Ich hab zum Glück immer Leute um mich herum, die gut auf mich aufpassen. Nachts und tags, im Büro wie auf Partys. Da gibt’s immer jemanden, der mich rechtzeitig wieder einpackt. Natürlich ist es so, dass die Nacht auch Gefahren birgt. Deshalb versuche ich immer, mich rechtzeitig zu verabschieden. Ich bin aber auch bewusst nicht mit zwielichtigen Leuten zusammen. Ein bisschen Niveau muss einfach sein.

Wie ist es mit Drogen im Hotel Shanghai?

Alkohol ist eine Droge, Nikotin ist eine Droge. Dann gibt’s auch illegale Drogen. Aber die gibt’s heutzutage auch auf dem Schulhof. Das ist nichts, was man als Club fördert, aber unterbinden kann man es auch nicht. Also kann ich nur darauf achten, dass die Stimmung angenehm bleibt. Mir ist wichtig, dass sich die Leute in meinem Laden wohlfühlen, dass da keine kalte Atmosphäre ist. Ich denke, dass uns das gut gelingt.

Gab es jemals Ärger mit Gästen?

Wir haben nur ganz, ganz selten Probleme, also, dass Leute pöbeln oder sich schlagen oder so. Ich glaube, uns eilt ein gewisser Ruf voraus und wir ziehen dadurch einen bestimmten Menschenschlag an. Das Hotel Shanghai steht für Toleranz, bei uns wird niemand komisch angeguckt. Wenn man homophob ist, sollte man also zum Beispiel besser nicht zu uns kommen. Bei uns gibt es einen guten Querschnitt dessen, was unsere Welt ausmacht. Altersmäßig ist es sehr gemischt. Zu Konzerten und Partys kommen auch Leute, die über 60 Jahre alt sind.

Wie lange willst du das alles noch machen?

Ich hab noch richtig Bock! Zehn Jahre mach ich bestimmt noch weiter, vielleicht auch 20. Ich bin noch lange nicht satt. Selbst, wenn ich wollte – vor dem Fernseher sitzen und Hartz4 kassieren könnte ich gar nicht. Ich wünsche mir sehr, dass mir dieser Antrieb nicht abhandenkommt.

Was planst du als nächstes?

Mein neustes Projekt wird eine Gastronomie in der Mülheimer Innenstadt, die in den öffentlichen Raum eingreift. Der Ort soll lange fortbestehen, quasi mein Mausoleum werden. Ich lebe seit Jahren in Mülheim und mag die Stadt sehr. Da dachte ich mir, bevor ich lange warte, dass die Stadt mir ein Denkmal setzt, baue ich mir selbst eins. Für das Projekt habe ich jetzt einen Sponsor gefunden. Es wird eine Art Biergarten am Fuß der Friedenstreppe. Das ist eine alte Steintreppe, die hoch zur Petrikirche führt. Es soll so werden, wie man es aus mediterranen Ländern kennt: Im Sommer, wenn es schön wird, sollen die Leute auch den Platz nutzen. Um Brunnen herum wird es Tische geben, und wenn es voll wird, kann man sich auch auf die Steinstufen und auf die angrenzende Grünfläche setzen.

Weißt du schon, wann du eröffnen kannst?

Am liebsten im Frühjahr 2019. Es ist aber nicht hundertprozentig planbar, denn auch so ein kleines Projekt ist ein enormer Aufwand. Das Ganze hatte auch schon einen langen Vorlauf. Vor Jahren fragte mich die Stadt Mülheim, ob ich nicht Lust hätte, vor Ort etwas zu machen. Die Location, die ich mir jetzt ausgesucht habe, ist eine ehemalige Bedürfnisanstalt, sprich: Das war früher ein öffentliches Klo. Bis zuletzt hatten die Müllmänner der Stadt da ihren Pausenraum. In der Mitte des kleinen Häuschens ist immer noch der Platz, wo früher die Klofrau saß und durch eine Luke die Männer und Frauen abkassierte. Der Raum war teilweise schimmelig und nicht mehr sehr schön, trotzdem fand ich ihn toll, weil er einfach besonders ist. Also hab ich der Stadt Mülheim gesagt: Wenn, dann würde ich nur daraus etwas machen. Und irgendwann kam tatsächlich das Okay. Die Müllmänner bekamen einen neuen Pausenraum und die Stadt und ich gingen in Vertragsverhandlungen. Die haben sich lange gezogen, aber jetzt nimmt das Ganze Form an.

Was magst du am Ruhrgebiet?

Ich mag Mülheim wirklich sehr. Essen auch, aber das ist einfach rougher. Mülheim ist so eine überschaubare Freiluftanstalt, wo sich die Leute kennen. Das finde ich gut.

Wenn das Leben ein Comic wäre, welche Figur wärst du und warum?

Ich wäre der Coyote aus „Road Runner“. Der jagt immer, kommt aber nie zum Erfolg. Trotzdem lässt er sich immer was Neues einfallen und schmeißt nicht einfach hin. Das ist bei mir auch so: Ich habe diesen starken Drang, Sachen zu machen. Ich leide nicht gerne, sondern gehe durch unangenehme Sachen lieber einfach durch. In meinem Business ist es leicht zu sehen, ob du Erfolg hast: Du kommst in den Club und entweder es ist voll oder leer. Manchmal ziehe ich aus erfolglosen Abenden besonders viel. Ich stelle mich dann in die erste Reihe, als wäre das Konzert nur für mich. Andere würden vielleicht nach Hause gehen, aber ich bleibe. Ich bezahle das Konzert ja sowieso. Also gönne ich mir das.