Project Description

Karo Seck, 25, aus Essen

„Ich brauche keinen Stuck an der Decke.“

Hallo Karo, stell dich bitte kurz vor.

Ich bin Karo. Eigentlich heiße ich Karoline, Zweitname Friederike – typisch Akademikerkind! – aber alle nennen mich nur Karo. Ich bin 25 und in einem Oberhausener Krankenhaus geboren, wohne aber schon mein ganzes Leben lang in Essen. Ich habe Soziologie studiert und bin gerade dabei, mich beruflich zu orientieren.

Was würdest du denn gerne machen?

Mein Traumberuf war eigentlich Polizistin, aber leider erreiche ich mit meinen 1,53 Metern die Mindestgröße nicht. Stattdessen habe ich Soziologie studiert und Redaktionspraktika gemacht: Radio, Fernsehen, Zeitung. Anschließend habe ich als freie Mitarbeiterin für die WAZ geschrieben. So habe ich gelernt, routiniert zu schreiben und konnte meine Heimatstadt noch besser kennenlernen. Ich wollte gern Journalistin werden, aber das ist momentan natürlich ein hartes Pflaster. Sicherer wäre ein Job im Bereich Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Ich bin ein sehr kommunikativer Mensch, deshalb könnte ich mir das gut vorstellen. Jetzt beginne ich aber erst einmal ein Volontariat in einem Museum. Darauf freue ich mich riesig und sprühe schon vor Ideen.

Du sagtest, du bist Akademikerkind – was machen deine Eltern beruflich?

Meine Mutter ist Lehrerin, mein Vater ist Diplomverwaltungswirt. Er war lange bei der Bundeswehr, aber die meiste Zeit quasi Bürosoldat, unter anderem in der Kaserne in Kray. Für mich war immer klar, dass ich wie meine Eltern studieren möchte.

Und hat dir das Soziologiestudium gefallen?

Ja. Soziologie ist die Lehre der Gesellschaft. Das schult deinen Blick auf die Welt. Ich schaue inzwischen anders auf Prozesse in der Stadt: Zum Beispiel auf Stadtteile in Essen, die ziemlich homogen sind. Menschen ziehen dorthin, weil schon andere Menschen da leben, die ihnen ähnlich sind. Das habe ich früher nicht so stark wahrgenommen.

Wie war es für dich, in Essen aufzuwachsen?

In der Grundschule habe ich eine Klasse übersprungen, dadurch war ich auf dem Gymnasium in Oberhausen immer die Jüngste. Weil ich so klein war, bin ich oft gehänselt worden und hatte auch eher wenige Freunde auf der Schule. Früher war ich sehr schüchtern und in mich gekehrt. Aber dann habe ich angefangen, die Selbstverteidigungssportart Jiu Jitsu zu machen. Das hat mir sehr geholfen. Beim Jiu Jitsu geht es darum, sportliche Fähigkeiten, aber vor allem auch einen starken Geist zu entwickeln. Du lernst, dich selbst zu behaupten und Konflikte eher zu vermeiden, Leuten mit Respekt gegenüberzutreten. Als dann in der Schülerzeitung stand, dass ich im Ausland eine Medaille gewonnen habe, war endgültig Schluss mit den Hänseleien. Inzwischen habe ich zum Glück ein sehr gutes Verhältnis zu meiner ehemaligen Schule. Ich war später im Schulorchester und gehe bis heute zu den Sommer- und Weihnachtskonzerten, zum Ausklang des Abends ziehe ich dann immer noch mit ehemaligen Lehrern weiter in irgendeine Kneipe.

Wie alt warst du, als du mit dem Jiu Jitsu angefangen hast?

Dreizehn, seitdem mache ich Jiu Jitsu im Verein und in einem internationalen Verband. Der ist daraus entstanden, dass sich die Großmeister verschiedener Länder jährlich zum Austausch trafen. Inzwischen können Schüler zu diesen Treffen mitfahren, um gemeinsam zu trainieren und sich zu vernetzen. Dadurch sind viele internationale Freundschaften entstanden. Außerdem gibt es Wettkämpfe. Oft sind mehrere hundert Leute dabei und wir können zum Beispiel auch zu belgischen oder englischen Meisterschaften fahren. Ich bin tatsächlich seit kurzem belgische Vizemeisterin.

Bei Wettkämpfen kämpft man dann gegeneinander?

Nein, Jiu Jitsu ist reiner Selbstverteidigungssport, da geht es nie darum, dass einer k.o. geschlagen wird. Im Mittelpunkt steht die Technik, zum Beispiel beim Sparring und Bodenkampf. Das Prinzip von Jiu Jitsu ist es, die Energie des Angriffs umzulenken und sie für sich zu nutzen. Ich mit meinen 48 Kilo kann keine Masse einsetzen, sondern muss mit Hebeln arbeiten und wendig sein. Bei diesen internationalen Meisterschaften habe ich schon ein paar Medaillen geholt.

Was für Auszeichnungen waren das?

Meine erste internationale Meisterschaft war 2009 im englischen Blackpool. Dort habe ich eine Bronzemedaille bei der Paardemonstration geholt – dabei studierst du mit deinem festen Trainingspartner eine Abfolge von Techniken ein, die du dann technisch und dynamisch so gut wie möglich zeigst. Das kann spektakulär werden, zum Beispiel mit Sprungtritten und Würfen. Eine Silbermedaille bekam ich im selben Jahr in der Disziplin in „Random Attacks“, dabei musst du auf einen unbekannten Angriff möglichst schnell, dynamisch und korrekt reagieren. Mein erfolgreichstes Jahr war 2010 in Kopenhagen. Da gewann ich meine erste Goldmedaille in der Disziplin „Kata“, das sieht für Laien ein bisschen aus wie Schattenboxen und du zeigst eine Art Choreographie aus Schlägen, Tritten, Blöcken und Fallschule. Außerdem bekam ich Silber in „Random Attacks“ und Bronze im Bodenkampf. Ich war die erfolgreichste Teilnehmerin des deutschen Kaders.

Wie bist du zu dem Sport gekommen?

Mein Vater war lange Vorsitzender unseres Sportvereins in Essen-Frintrop. Als ich geboren wurde, hat er mich zuerst im Verein angemeldet und danach erst beim Standesamt! Für den Verein mache ich heute die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, dazu gehört die Vereinszeitung, die Internetseite und Social Media. Ich habe also früh angefangen, zu schreiben – wahrscheinlich war ich an der Uni deshalb bei den Hausarbeiten immer besser als bei den Klausuren.

Wohnst du alleine?

Meine Wohnung gehört meinen Eltern und liegt direkt unter ihrer. Ich sehe meine Eltern im Alltag also ziemlich oft. Zum Beispiel koche ich für sie mit oder umgekehrt. Da mir meine Familie sehr wichtig ist, finde ich das sehr gut.

Wann im Leben warst du besonders glücklich?

Toll war, als ich 2012 die Auszeichnung „Essens Beste“ bekommen habe. Da habe ich im Bereich Sport gewonnen, das hat mich wirklich geflasht. Zur Konkurrenz gehörten eine Ruderin und ein Schwimmer, also Vertreter der Aushängesportarten in Essen. Als ich dann gewann, dachte ich, ich träume. Ich habe sofort angefangen zu weinen – das geht bei mir ganz schnell. Die Moderatorin, Johanna Klum von Viva, hat mich direkt in den Arm genommen, das fand ich sehr lieb. Ich weine aber auch in anderen Situationen schnell, zum Beispiel, wenn ich wütend bin. Das kanalisiert sich dann in Tränen, anstatt dass ich anfange zu schreien oder zu toben.

Außerdem war ich sehr glücklich, als mein Patenkind vor knapp einem Jahr getauft wurde. Das klingt jetzt etwas durchschnittlich, aber für mich war es sehr besonders. Ich bin Einzelkind und alle Cousinen und Cousins sind sehr viel älter als ich. Für ihr drittes Kind hat meine Cousine mich als Patin ausgesucht. Das ist für mich ein Vertrauensbeweis und eine große Verantwortung.

Wie findest du es, Einzelkind zu sein?

Als Kind fand ich es oft doof, weil ich oft allein war und mir im Urlaub immer erst jemanden zum Spielen suchen musste. Aber inzwischen sehe ich auch die Vorteile: Ich musste mich zum Beispiel mit niemandem einigen, wer die Wohnung bezieht, wo ich nun wohne. Und ich konnte mir Zeit für die Berufswahl nehmen, weil meine Eltern mich immer unterstützen.

Wann in deinem Leben hast du mal große Angst gehabt?

Mir ist Gott sei Dank noch nicht so viel Schlimmes passiert. In großer Sorge war ich, als mein Vater 2006 einen Herzinfarkt hatte. Ich weiß noch, wie geschockt ich war, als ich nach der Schule nach Hause kam und meine Mutter mir davon erzählte. Zum Glück ist mein Vater dann wieder ganz gesund geworden. Als ich 15 war, ist meine Patentante gestorben. Das war auch schwierig für mich, so mitten in der Pubertät. Ansonsten bin ich aber Gott sei Dank noch nicht von Schicksalsschlägen betroffen gewesen.

In welcher Zeit hättest du gerne gelebt?

In den fünfziger Jahren – wegen der schönen Kleidung und weil es damals noch nicht so eine Wegwerfgesellschaft gab wie heute. Ich höre auch gerne Musik, die in den Fünfzigern ihren Ursprung hat – zum Beispiel Elvis Presley und Johnny Cash. Ich war sogar mal in Memphis und habe Graceland gesehen, also das Haus von Elvis und das Jonny-Cash-Museum in Nashville.

Warst du noch an anderen Orten in den USA?

Ich war zusammen mit meinen Eltern an der nordamerikanischen Ostküste und auch an der Westküste, aber auch in den Südstaaten der USA und in Chicago. Die Musikszene im mittleren Westen und im Süden war einfach toll. In vielen Städten scheppern der Country und der Soul an jeder Ecke aus den Bars. Außerdem sind wir den Blues Trail rund um New Orleans mit dem Auto gefahren. Da gab es viele Geisterstädte und verlassene Tankstellen, das war total faszinierend – wie im Film!

Bist du ein Typ für Souvenirs?

Meine Wohnung ist sogar ein kleines Amerika-Museum! Ich bin totaler Amerika-Fan – aber nur als Reiseland, nicht politisch. Ich habe große USA- und Kanada-Flaggen an meinen Wänden, ganz viele selbstgemachte Fotos und Souvenirteller. Gerade die Teller sind ziemlich kitschig, aber ich finde Kitsch toll. Wer zum ersten Mal zu mir kommt, ist allerdings erst mal erschlagen und das nicht, weil ein Baseballschläger von der Decke hängt. Meine Sammlung wächst noch: Ich finde immer wieder noch ein neues Deko-Utensil, das ich irgendwo unterbringen kann oder mein verrückter Papa bringt mir eins mit.

Was magst du am Ruhrgebiet?

Ich finde es sehr schön hier und möchte aus Essen nicht wegziehen. Wenn ich aus dem Urlaub komme, bin ich immer froh, wieder zu Hause zu sein. Meine Familie ist seit vielen Generationen hier: Mein Vater hat viel Ahnenforschung betrieben, zurück bis ins Jahr 1600. Weiter ging es nicht, weil es damals noch keine Nachnamen gab. Auf der Seite meines Vaters reichen meine Ruhrgebietswurzeln sechs Generationen zurück. Mein Opa väterlicherseits kommt aus Kiel, er ist zum Arbeiten unter Tage ins Ruhrgebiet gekommen. Ich bin hier also total verwurzelt und stolz, dass mein Opa ein Bergmann war. Ich finde die alte Industrie bis heute total ästhetisch. Auch die einfache Architektur der Wohnhäuser gefällt mir – ich brauche keinen Stuck an der Decke. Hier im Ruhrgebiet ist man ehrlich und direkt und ich mag auch den Dialekt – meine Kinder sollen den auch mal sprechen! Ich finde es schade, dass viele Menschen hier wegziehen. Ich finde, meine Generation muss jetzt etwas dafür tun, dass die Leute gerne hier leben.

Wenn das Leben ein Comic wäre, welche Figur wärst du?

Das ist bei mir tagesformabhängig – an manchen Tagen wäre ich Black Widow, die Superheldin aus den Marvel Comics. Das ist eine starke Frau, die austeilen kann. An anderen Tagen wäre ich Minnie Maus – ein echtes Klischee-Mädchen. Ich nutze diese Wandlungsfähigkeit auch gerne als Überraschungseffekt: Man sieht mir nicht an, dass ich Kampfsport mache. Wenn ich einen Türöffner für ein Gespräch brauche, erzähle ich deshalb gerne davon.