Project Description

Jana Stinn, 26, aus Mülheim an der Ruhr

Tanzen in schönen Kleidern hat Märchenatmosphäre.

Hallo Jana, stell dich bitte kurz vor!

Ich bin Jana, 26 Jahre alt und mache gerade an einem Gymnasium in Mülheim mein Referendariat – bin also angehende Lehrerin. Nebenbei tanze ich viel und nehme mit meinem Tanzpartner an Wettkämpfen teil.

Bist du im Ruhrgebiet geboren?

Geboren bin ich im Krankenhaus in Essen-Werden, aufgewachsen in Bottrop. Ich habe in Bochum studiert und kurz auch mal in Herne gewohnt. Für mein Referendariat bin ich dann nach Mülheim gezogen.

Welche Fächer unterrichtest du?

Spanisch und Sozialwissenschaft – beziehungsweise Politik, so heißt das Fach in den jüngeren Klassen. Ich unterrichte an einem Sportgymnasium und habe sehr nette und aktive Schüler. Im Unterricht sind sie auf alles total heiß, was irgendwie mit Bewegung zu tun hat.

Willst du nach deinem Referendariat an der Schule bleiben?

Ich würde gerne, aber es ist unklar, ob es klappen wird. Wir sind momentan neun Referendare an der Schule – nicht alle werden bleiben können. So oder so werde ich das Ruhrgebiet aber nicht verlassen.

Hast du auch eine Verbindung zu Spanien?

Nein, ich habe zwar während des Studiums sieben Monate in Andalusien gelebt, meine Familie hat aber keine spanischen Wurzeln. Zum Glück habe ich so viel Spaß an der Sprache, dass es mir trotzdem sehr leicht fiel, da reinzuwachsen.

Was hast du in Spanien gemacht?

Ein Semester lang studiert und nebenbei gearbeitet. Ich habe die Zeit dort sehr genossen und wollte am Ende gar nicht mehr weg. Zuerst dachte ich: drei Monate und keinen Tag länger! Aber dann habe ich mich schon nach den ersten Tagen auf sieben Monate festgelegt. Ich konnte an der Uni die Anfängerkurse in Spanisch mit unterrichten und schon mal schauen, wie es sich anfühlt, als Lehrerin vor einer Gruppe zu stehen. Außerdem habe ich dort neue Tänze gelernt – allerdings keinen Flamenco, weil ich schnell gemerkt habe: Dieser Rhythmus ist einfach nicht so meins.

Du tanzt neben deiner Arbeit sehr viel. Wie bist du dazu gekommen?

Es fing an, als mit ungefähr 14 Jahren alle in die Tanzschule gingen. Ich hatte einen sehr guten Tanzlehrer in Bottrop, der früher selbst Turniere getanzt hat. Da habe ich über mehrere Jahre hinweg sämtliche Kurse mitgenommen. Irgendwann war ich auf der Suche einem festen Tanzpartner. Durch Zufall traf ich auf einem Geburtstag einen Tänzer, der bei Wettkämpfen antrat. Ich konnte in seinen Verein wechseln und habe dort einen Tanzpartner gefunden. Seitdem mache ich auch Turniersport.

Läuft das dann so wie bei „Let’s dance“?

Bei „Let’s dance“ muss natürlich viel Show sein, so viele Hebefiguren sieht man bei uns nicht. Bei unseren Turnieren ist es oft so, dass sehr viele Paare auf derselben Fläche gegeneinander antreten, da wäre die Verletzungsgefahr doch sehr groß. Es geht bei uns vielmehr um die Technik: korrekt gestreckte Beine, im Takt bleiben, die richtige Haltung. Ob wir Turniere tanzen oder nicht, können wir in der Tanzschule selbst entscheiden. Mein Tanzpartner und ich sind sehr aktiv dabei.

Was tanzt ihr?

Momentan nur lateinamerikanische Tänze: Cha Cha, Jive, Paso Doble, Rumba und Samba. Ich tanze auch gerne Standardtänze, also zum Beispiel Walzer, Quickstep, Slowfox oder Tango – aber mein Partner hat damit bisher keine Erfahrung.

Welche lateinamerikanischen Tänze magst du am liebsten?

Samba und Rumba. Samba bringt viel Lebensfreude mit sich und die Musik ist recht aktuell. Das geht so in Richtung Reggaeton. Es gibt auch viel spanischsprachige Musik, da ist es dann cool, dass ich fast alles verstehen kann. Rumba ist dagegen langsam und intensiv, da kann man schön miteinander arbeiten und beim Tanzen eine Geschichte erzählen. Bei der Rumba geht’s immer darum, ob der eigene Herr schon gut genug ist, oder ob man sich vielleicht doch noch einmal nach einem anderen umschaut?

Hast du dich beim Tanzen schon mal verletzt?

Nein – klopf auf Holz! – noch nie. Obwohl das mit hohen Absätzen natürlich leicht passieren kann. Mein Tanzpartner hat es aber schon einmal geschafft, sich ein paar Bänder zu reißen.

Habt ihr schon Wettkämpfe gewonnen?

Als wir noch in der D-Klasse getanzt haben, wurden wir 2016 Vize-Landesmeister von NRW. Da haben wir uns richtig drüber gefreut! Beim großen internationalen Tanzturnier danceComp in Wuppertal haben wir 2016 den zweiten Platz gemacht, das war ein besonderes Erlebnis für uns.

Was ist dein nächstes Ziel?

Der Aufstieg in die A-Klasse. Momentan tanzen mein Partner und ich in Klasse B, das ist schon toll: Man darf etwas freier tanzen als in den Klassen darunter und sich die Figuren selbst aussuchen. Das sieht professioneller aus und es können richtig schöne Programme entstehen. Ich persönlich würde außerdem gerne wieder mehr Standard tanzen. Das ist wohl die kleine Prinzessin in mir: Tanzen in schönen Kleidern hat Märchenatmosphäre. Lateintänze sind dagegen eher sexy.

Würdest du bei „Let’s Dance“ mitmachen?

Auf keinen Fall! Mir wären die so genannten Promis viel zu anstrengend. Natürlich sind da echte Profis dabei, die mich faszinieren. Die südafrikanische Tänzerin Motsi Mabuse ist beispielsweise auch Trainerin und kann qualifizierte Kritik üben. Das finde ich schon gut, dass da Leute dabei sind, die selbst aus dem Profisport kommen. Ich habe bei „Let’s Dance“-Stars auch Lehrgänge gemacht. Der Profitänzer Sergiu Luca war außerdem mein Wertungsrichter bei einer Landesmeisterschaft, das war spannend. Aber unterm Strich sind Fernsehshows vor allem sehr zeitintensiv und ein Bereich, der mich nicht so sehr interessiert.

Warum?

Der Tanz wird zwar gezeigt, aber es geht nie um Details. So viele Hebefiguren wie im Fernsehen gibt es bei professionellen Wettkämpfen nicht. Im Fernsehen wird auch über Fehler hinweggehoben. Es muss eben nach etwas aussehen. Mich interessiert dagegen eher die Technik, also das, was bei uns auf der Fläche passiert – daran zu feilen, macht mir viel Spaß.

Wie erarbeitet ihr neue Programme?

Programme lassen wir uns zusammenstellen, um dann gleich mit dem Tanzen anfangen zu können. Neben der Tanzschule nehmen wir uns als Paar manchmal Privatstunden. Das sind dann spezielle Coachings, die zum Beispiel vom aktuellen Weltmeister angeboten werden.

Hast du selbst schon mal Tanzunterricht gegeben?

Ja, ich habe früher in der Tanzschule gearbeitet. Es war sehr lustig zu sehen, wie langjährige Paare miteinander umgehen, wenn sie zusammen tanzen sollen: Die Herren dürfen entscheiden, die Damen müssen sich führen lassen. Das kriegt nicht jedes Paar gleich hin, da flogen oft die Fetzen.

Was machst du, wenn du nicht arbeitest oder tanzt?

Viel Zeit ist da nicht mehr übrig! Ein Hobby von mir sind aber Brieffreundschaften, noch richtig auf Papier. Ich schreibe regelmäßig an zehn bis 15 Mädels aus aller Welt. Manchmal basteln wir uns auch etwas oder schicken kleine Geschenke, zum Beispiel Lesezeichen, Sticker, Tee oder Geschichten. Eben alles, was in einen Umschlag passt.

Wie hat sich das entwickelt?

Über Postcrossing, das ist eine Webseite, wo du Personen aus der ganzen Welt schreiben kannst. Du schreibst Postkarten an andere, bekommst aber nie von derselben Person etwas zurück. So bekommst du einen kleinen Eindruck von ganz unterschiedlichen Lebenswelten. Gerade während meiner Zeit in Spanien fand ich es schön, regelmäßig Post im Briefkasten zu haben. Irgendwann entstanden aus den Postkarten auch echte Brieffreundschaften. Einige sind in Deutschland, andere weit weg, zum Beispiel in Neuseeland. Auch altersmäßig ist das sehr gemischt.

Reist du gerne?

Ja, meine Familie ist immer viel gereist. Gerade mein Vater ist sehr abenteuerlustig. Er war zum Beispiel auf den Falklandinseln, wir hatten zu Hause ganze Diaboxen voller Pinguinfotos. Meinen ersten Geburtstag haben meine Eltern mit mir in Kanada gefeiert. Außerdem waren wir in Südafrika und sind kurz vor meiner Einschulung sechs Wochen mit dem Wohnmobil durch Australien gefahren. Nach meinem Bachelorabschluss bin ich nach Neuseeland geflogen, um den Ort zu sehen, wo meine Eltern geheiratet haben. Das war in einer Sternwarte in Auckland. Ich bin mit dem Hochzeitsfoto zum Empfang gegangen und habe gefragt, wo das Foto entstanden ist. Sie haben mir dann extra den entsprechenden Raum aufgeschlossen.

Was magst du am Ruhrgebiet?

Dass alles so nah beieinander liegt. Dass man schnell von einer Stadt zur nächsten fahren kann. Auch wenn die Züge oft unpünktlich sind – es gibt ja oft sieben oder acht pro Stunde. Ich mag auch den Umgang der Menschen miteinander. Man ist schnell beim Du und hat nicht so starke Berührungsängste wie in anderen Teilen Deutschlands. Statt über sieben Ecken zu kommunizieren, ist man sehr direkt und du findest immer jemanden zum Quatschen – und wenn es die Nachbarin ist, die mit ihrem Kissen in der Fensterbank lehnt und auf die Straße guckt.

Wenn das Leben ein Comic wäre, welche Figur wärst du?

Ich wäre Mafalda, die kleine Heldin aus der Comic-Strip-Reihe des argentinischen Zeichners Quino. Einerseits wegen der spanischen Sprache, andererseits wegen ihres Demokratiebewusstseins. Sie ist sehr politisch und immer kritisch gegenüber ihrer Mama.