Veit Alex 2017-09-02T09:32:13+00:00

Project Description

Veit Alex, 22 aus Essen

„In meinem Job habe ich oft eine Verwandlung, aber nie eine Verkleidung.“

Hallo Veit. Stell dich doch bitte kurz vor.

Ich bin Veit Alex, 22 Jahre alt, seit drei Jahren Androgyn-Model und komme aus Essen.

Wie bist du zum Modeln gekommen?

Ich habe 2013 in einem Einkaufszentrum in Oberhausen bei einem Schaufensterpuppencontest teilgenommen. Da haben circa 300 Leute mitgemacht. Ich habe es nicht mal unter die Top 10 geschafft, welche als einzige im Ranking aufgeführt waren, was aber gar nicht schlimm war, denn an dem Tag hat mich der Designer Mike Dombrowski entdeckt und mich später durch den Hashtag #MenschoderPuppe bei einem Posting bei Facebook gefunden. Er wollte mich unbedingt für sein Lookbook haben und 2014 im April hatten wir das erste Shooting – bei dem ich als Frau abgelichtet worden bin.

Als Frau? Wusstest du das vorher?

Nein. Ich ahnte das überhaupt nicht, aber als ich da so bei der Visagistin saß und sie mich fragte, in welcher Farbe der Lidschatten aufgetragen werden soll, habe ich gedacht, ich höre nicht richtig. Mir fiel in dem Moment alles aus dem Gesicht.

Und hast du das dann mitgemacht?

Ich musste es erst mal eine halbe Stunde lang sacken lassen. Man hat mir das dann genau erklärt, was „androgyn“ bedeutet. Und dann habe ich mich ins kalte Wasser werfen lassen. Unter der Prämisse, dass die Fotos erst mal nicht veröffentlicht werden, sondern erst, wenn ich damit zufrieden bin. Die Fotografin Sofia Berns hat mich super angeleitet, was das Posing angeht. Wenn ich nicht so eine gute Anleitung bei meinem ersten Fotoshooting gehabt hätte, hätte ich auch nicht dieses weibliche Körpergefühl auf den Bildern ausstrahlen können.

Hast du dir auf den Bildern gefallen?

Also dafür, dass das mein erstes Foto im weiblichen Look war, dachte ich nur so „Wow, krass.“ Kann aber auch dadurch gekommen sein, weil ich mich noch nie professionell hab fotografieren lassen.

Hast du dir vorher auch schon mal Frauenkleidung angezogen?

Tatsächlich bin ich an Karneval 2012 und 2014 sowohl als Prostituierte als auch als Polizistin verkleidet gewesen. Viele haben mich damals auf der Straße schon komisch angesehen, weil sie nicht wussten, ob ich jetzt eine schlecht geschminkte Frau oder ein krass geschminkter Mann bin.

Wie kommt das bei deinen Freunden an?

Am Anfang habe ich niemandem davon erzählt. Als ich dann nach dem ersten Shooting in der Bahn die halbwegs bearbeiteten Fotos auf dem Handy bekam, war ich total begeistert und hab sie direkt an zwei bis drei weitere Freunde geschickt, von denen ich wusste, dass sie hinter mir standen. Zu der Zeit war ich noch auf der Schule im Internat. Irgendwann habe ich dann eine Facebookseite mit vielen Fotos von mir in Frauenposings veröffentlicht, nachdem ich einige Fotoshootings und Castings mitgemacht habe. Die Seite hat natürlich irgendwer dann gefunden und ab da gingen meine Bilder bei meinen Mitschülern in diversen Whatsapp-Gruppen rum. Ich war das Gesprächsthema Nummer Eins – an einem Samstagmorgen – und montags hatte ich dann echt Angst ins Internat zurückzukehren. Ich wusste nicht, wie sie alle reagieren würden. Aber ich habe mir gesagt, dass daran nichts Verwerfliches ist. Ich sehe aus wie eine Frau, aber ich bin keine Frau – daran ist nichts Schlimmes. Ich habe die Shootings als meinen Job angesehen. Andere gehen kellnern und ich bin eben Androgyn-Model. Es gab dann natürlich hier und da mal einen Spruch, aber alles in allem wurde es von meinem Umfeld richtig gut aufgenommen.

Bist du vergeben?

Zu dem Zeitpunkt, als ich angefangen habe zu modeln, war ich Single und das bin ich auch nach wie vor.

Was ist der Unterschied zu einem Travestie-Künstler?

Man darf androgyne Models nicht mit Travestie oder Drag-Queens verwechseln. Die versuchen, ein überzogenes Bild einer Frau darzustellen – da ist das Make-up sehr viel stärker als es eine normale Frau tragen würde, du hast mehr Bling-Bling und Glitzer, Silikon-Einlagen im BH und noch höhere High-heels. Dadurch werden Travestie-Künstler und Drag-Queens zu Kunstfiguren. Von dem Begriff „Kunstfigur“ möchte ich aber Abstand nehmen, denn die erschafft man auch eben „künstlich“. Alles, was ich darstelle, ist komplett natürlich. Ich werde wie ein weibliches Model geschminkt und angezogen. In meinem Job habe ich oft eine Verwandlung, aber nie eine Verkleidung. Ich finde, man sollte keinen Unterschied zwischen Männern und Frauen machen, wenn es darum geht, wer was tragen darf.

Du hast ja sehr langes und gepflegtes Haar. Hast du das extra für den Job wachsen lassen?

Meine Haare habe ich ab dem ersten Shooting wachsen lassen. Die Seiten habe ich abrasiert und die Deckhaare lang bis zur Brust. Viele Visagisten haben mir gesagt, dass lange Haare sehr förderlich sind. Man bekommt mit langen Haaren einfach mehr Jobs.

Wer inspiriert dich?

Bei meinem ersten Casting damals bin ich sofort gebucht worden. An diesem Tag hat Conchita Wurst beim Eurovision Song Contest gewonnen, das weiß ich noch gut. Conchita Wurst hat mir schon so einen kleinen Anstoß gegeben. Sie ist mir sehr ähnlich, weil sie auch eher eine natürliche Drag Queen ist. Mittlerweile verzichtet sie ja auch komplett auf Brustimplantate. Sie stellt eben auch dieses Androgyne mehr in den Vordergrund. Das hat mir gezeigt, dass ein großer Teil Europas hinter so einem Thema steht und auf den Zug wollte ich gerne aufspringen und sehen, was alles möglich ist.

Eigentlich ist alles zwischen Mann und Frau möglich. Es gibt keine Grenze, die man überschreiten oder überhaupt ziehen kann.

Ich habe dann nach und nach mein Portfolio aufgebaut und Agenturen angeschrieben. Viele große Agenturen haben mir aber gar nicht erst geantwortet. Ich habe einige Absagen bekommen. Als ich dann qualitativ hochwertigere Fotos habe machen lassen, hat es tatsächlich geklappt und ich bin nach Berlin zur Fashion Week eingeladen worden. Und bin dann da auf dem Laufsteg direkt für zwei Designer gelaufen. Ich habe mich allerdings dagegen entschieden, dort für einen Pelzdesigner zu laufen.

Wie konntest du das alles mit der Schule vereinbaren?

Das war gar nicht so einfach. Ich hatte bis Donnerstag Schule, bin dann nach Berlin gefahren und auch erst montags morgens wieder zurückgekommen. Ich bin da auch auf diverse Partys gegangen, denn auch das gehört zum Berufsfeld eines Models dazu. Das hört sich vielleicht blöd an, aber so ist es. Auf den Partys lerne ich Leute kennen und knüpfe Kontakte. Das gehört genauso dazu wie heutzutage Social Media. Das sieht man nach außen hin oft gar nicht, aber man muss sich ja vermarkten. Ob man dabei sein Privatleben preisgibt und auch zur Person des öffentlichen Lebens wird, sollte man sich gut überlegen. Als ich dann montags wieder in der Schule saß, war das ein komisches Gefühl. Auf einmal sitzt du wieder da und schreibst deine Klausur und lässt das Modelleben hinter dir. Ich war auch oft müde.

Ist das Modeln dein Hauptberuf?

Seitdem ich 2015 mein Abitur gemacht habe, habe ich mich komplett auf eigene Beine gestellt. Im letzten Jahr habe ich mal für ein halbes Jahr ein Praktikum als Fashion-Stylist, Hair- und Make-up-Artist gemacht. Das möchte ich später gerne mal machen, wenn ich zu alt und schrumpelig fürs Modeln sein sollte – Schönheit ist zwar nicht vergänglich, aber die Frische, welche die Mode- und Werbe-Welt will. Ich möchte gerne in der Branche, in der ich jetzt arbeite, auch weiterhin arbeiten. Dieses Privileg einmal aufgeben zu müssen, wäre extrem schwierig für mich.

Was machst du gerne in deiner Freizeit?

Ich liebe meinen Beruf und mich beim Styling in der Mode austoben zu können. Ich gehe gerne shoppen, genieße es, mit Freunden zu kochen oder bin unterwegs. Ich probiere gerne Neues aus. Mein Beruf und die Freizeit zu trennen, ist oftmals schwieriger als gedacht.

Wie war deine erste Show?

Ich bin damals hingegangen und habe mir eine Freundin als Begleitperson mitgenommen. Ich wusste nicht, was mich genau erwarten wird. Am Tag davor hatte ich mir noch High-Heels gekauft, weil ich selbst keine hatte. Das Laufen darauf ging eigentlich ganz gut. Dann habe ich mir Gedanken über meine Beine gemacht. Die sind ja nicht rasiert, aber ich sollte bei der Show ein kurzes Kleid tragen. Rasieren wollte ich aber nicht, also habe ich einfach drei Strumpfhosen übereinander gezogen. Für meine Beine habe ich sogar Komplimente bekommen. Ich konnte vor, während und nach der Show mit vielen Models sprechen. Das ist was, was jeder Newcomer nutzen sollte: Alle Informationen wie ein Staubsauger für die Zukunft einsaugen, um daraus lernen zu können. Dann kam ich zur Haare-und-Make-up-Station. Da kümmerte sich eine um meine Haut, ein andere um die Augen und noch mal eine anderer um die Lippen. Das war ein richtiges Durchgeschiebe, was wirklich komisch war. Das war schon ein anderer Alltag als ich gewohnt war. Nach den drei Shows an dem Tag war ich abends komplett platt.

Wie bist du von den anderen Models aufgenommen worden? Als Konkurrent?

Dieses Konkurrenzdenken habe ich tatsächlich nie wirklich feststellen können. Ich bin immer positiv von den anderen Models aufgenommen worden und habe nie das Gefühl gehabt, dass mich jemand mit den Ellenbogen beiseitedrängen wollte. Ich bin auch jemand, der gerne im Team spielt. Ich strahle keine Konkurrenz aus. Ich als männliches Frauenmodel habe natürlich eine Geschichte hinter mir und das suchen viele Designer: Ein Model was Ausstrahlung hat und interessanter wirkt als ein klassisches weibliches Model. Genau diese Lücke kann ich wunderbar schließen. Das ist mein Vorteil. Der Nachteil ist, dass viele kommerzielle Kunden das nicht so mögen und eher das klassische Schönheitsideal einer Frau vermittelt werden soll. Aber ich bin gespannt, was die Zukunft bringt.

Hast du mal negative Erfahrungen gemacht?

In den ganzen Jahren habe ich eine wirklich negative Reaktion auf meine Person erlebt. Ich hatte ein Shooting in Dortmund in einem Hinterhof. Da saßen einige sozial schwache Familien im Innenhof und grillten, während wir vor den Graffiti-Wänden fotografierten. Wir wurden die ganze Zeit massiv gestört, Fußbälle wurden während des Shootings zwischen der Fotografin und mir hin- und hergeschossen und wir wurden beschimpft mit den Worten „Das ist ja eine Sauerei. Hier sind Kinder. Müssen die verstört werden? Das ist ekelhaft.“ Ich fand es schade, dass die Menschen so mit dem Thema umgehen. Kinder sind da ja oft sehr offen und finden es interessant, was ich mache. Kinder sind herrlich ehrlich und direkt. Sie bekommen von unserer Gesellschaft nur künstlich auferlegt, dass irgendwas negativ sein soll. Ich finde es schön, wenn Eltern ihre Kinder frei denken lassen. Mein Ziel ist es, in Schulen zu gehen, weil da eben auch solche Themen anfallen und Kinder ausgegrenzt werden, weil sie nicht der breiten Masse entsprechen. Jeder ist auf seine eigene Art ganz besonders. Ich möchte mit meiner Geschichte Mut machen und auch in den Schulen über das Thema Mobbing reden.

Was magst du am Ruhrgebiet?

Ich wohne in Essen, wo ich auch aufgewachsen bin. Ich genieße das hier total. Ich wohne im Grünen, aber habe die Innenstadt in meiner Nähe. Dieser Zusammenhalt, der hier unter den Menschen besteht, ist ein großer Pluspunkt. Und unsere Kultur hier ist wirklich einzigartig.

Wenn das Leben ein Comic wäre, welche Figur wärst du dann?

Ich bin gar kein Comicfan und mag auch Fantasyfilme nicht – also kenne ich kaum Comicfiguren. Von daher fänd ich es gut, wenn einfach ein Comic über mich geschrieben werden würde. Ich würde ich selbst sein wollen.