Anabel Jujol 2017-05-20T16:41:35+00:00

Project Description

Anabel Jujol, 50 aus Essen

„Ich will, dass die Grenzen fließen – auch zwischen künstlerischem und politischem Aktivismus.“

Hallo Anabel. Stell dich bitte kurz vor.

Mein Name ist Anabel Jujol und ich bin 50 Jahre alt. Ich bin einerseits Künstlerin und andererseits sehr politisch unterwegs. Ich habe einen spanischen Ursprung. Dadurch, dass ich mehrere Rollen gleichzeitig in mir vereine, z. B. ja auch eine Migrantin bin, wahre ich eine gewisse Distanz einer Rolle der anderen gegenüber. Als Künstlerin habe ich Distanz zu meiner politischen Arbeit, aus meiner politischen Arbeit heraus habe ich eine Distanz zu den restlichen Rollen, die ich verkörpere.

Was für eine Art Kunst machst du?

Ich male hauptsächlich, mache ein bisschen Fotografie, digitale Kunst und hab auch schon mal eine Performance-Installation gemacht. Und ab und an mache ich Straßenprotestkunst. Ich will, dass die Grenzen fließen – auch zwischen künstlerischem und politischem Aktivismus. Hauptsächlich widme ich mich der klassischen Malerei Öl auf Leinwand.

Mein Dozent war ein Meisterschüler von Gerhard Richter. Ich glaube das hat indirekt erst mal Einfluss auf meine Malerei genommen, bis ich mich davon emanzipiert und meine illusionistische Malerei gefunden habe.

Aktivismus inwiefern?

Aktivismus sagt das Wort ja schon – ich nenne mich politische Aktivistin. Das heißt, ich bin politisch sehr, sehr aktiv. Mittlerweile auch auf einer parlamentarischen Ebene, aber gleichzeitig auch auf der Ebene, dass man widerständische Aktionen – in erster Linie Demonstrationen – organisiert und durchführt: Platzbesetzungen, Demos, aber auch Kunstdemonstrationsaktionen wie einen Trauermarsch, den ich zwei Mal in Düsseldorf organisiert habe. Da haben wir schweigend zu Musik Leichensäcke durch die Stadt getragen, wie bei einem Beerdigungszug, um auf das Flüchtlingssterben im Mittelmeer plakativ aufmerksam zu machen. Diese Leichensäcke, wie sie damals an den Stränden des Mittelmeers lagen, haben wir in Düsseldorf ans Rhein-Ufer gelegt – das war so eine Mischung aus politischem Aktivismus und Kunst. Letztens habe ich während einer Ratssitzung knapp 1000 durchsichtige kleine Plastikbälle, die ich in Gold mit den Worten „Kunst“, „Freiheit“, „Macht“, „Mandat“ usw. beschriftet habe, vom Rathausbalkon ins gegenüberliegende Shoppingcenter gekippt. Im Rat wurde gerade beschlossen, das „Vortäuschen von Kunst“ und „Ball und Bewegungsspiele“ im öffentlichen Raum zu verbieten. Eine Steilvorlage für Kunst.

In welcher Partei bist du?

Ich bin in gar keiner mehr. Ich mag Parteien auch nicht so wirklich. Ich bin 2014 kurz bei den Linken gewesen, nachdem die meinen Aktivismus für sich entdeckt haben. 2011 bin ich als Spätzünderin, als die ich mich generell bezeichnen würde, bei der Occupy-Bewegung in Düsseldorf sehr aktiv gewesen. Wir haben dort einen Platz besetzt und als der 2012 geräumt wurde, war ich mit meinem ganzen Engagement im luftleeren Raum – die Revolution war nicht gekommen – Occupy war schnell vergessen und die Aktivisten haben versucht, neue Betätigungsfelder zu finden. Ich komme hier aus Essen und habe dann für mich etwas gesucht, was ich in dieser politisch ja doch recht verschlafenen Stadt bewegen kann. Zu der Zeit kamen die Linken auf mich zu und strebten ein Bürgerbegehren gegen Kürzungen im Kulturbetrieb an. Und so eine aktive Künstlerin, die offensichtlich kapitalismuskritisch unterwegs ist, wäre deren Vorzeigeding.

Ich wurde dann gefragt, ob ich das machen möchte und war eine von drei Initiatorinnen dieses Bürgerbegehrens. Ich war voll motiviert und habe Unterschriften gesammelt wie eine Irre – letztendlich scheiterte es an 75 fehlenden Unterschriften, die Kürzungen in der kulturellen Bildung zu verhindern. Im Anschluss haben die Linken mir vorgeschlagen, für die kommende Kommunalwahl auf ihre Liste zu gehen. Vorsichtig gesagt haben die es wohl ein bisschen ausgenutzt, dass ich nicht genau im Film war, welche Spaltungen, Intrigen und parteiinternen Grabenkämpfe es gerade so gibt. Trotz aller Spätpolitisierung bin ich ja nicht mehr ganz so jung und auch durch den künstlerischen Blick distanziert – kurz gesagt ich war sehr befremdet. Handlungsorientiert und kurzentschlossen wie ich immer bin, habe ich aber trotzdem eine Möglichkeit gesehen, etwas verändern und probieren zu können. Ich dachte ok – die wollen mich auf ihrer Liste haben. Auf Platz fünf, das ist sportlich, das kann klappen, mal gucken. Für die Bewerbung hatte ich beschrieben, was ich für ein Mensch bin, dass ich kritisch gegenüber Autorität und Macht bin, Künstlerin mit linken politischen Zielen. Als ich dann nach der Wahl ganz schnell ausgestiegen bin und mich von der neuen Fraktion distanziert habe, aus der Partei ausgetreten bin, gab es einen Shitstorm – zu Recht oder zu Unrecht.

Shitstorm? Inwiefern?

Ich bin über das Ticket der Linken ins Rathaus gekommen, um dann einen Tag später aus der Partei auszutreten. Das macht man so nicht, aber ich bin jemand, der Konventionen nicht unbedingt ernst nimmt – auch solche Konventionen. Und dann kann man auch schon mal eine Klatsche dafür kriegen. Über E-Mails, Facebook, WAZ, auf vielen Kanälen. Im Rückblick weiß ich immer noch nicht genau, ob es richtig oder falsch war. Es hat sich in dem Augenblick, in dem ich versucht habe integer zu bleiben, richtig angefühlt.

An diesem Wahlwochenende war ich sehr alleine. Es ist viel passiert. Eine Freundin in Düsseldorf, die Galeristin und auch politische Aktivistin war, hat sich umgebracht. Von den Linken bin ich von allen Seiten massiv unter Druck gesetzt worden. Ich war intern seit längerem sehr kritisch, wurde immer aufmüpfiger, der Druck wurde einerseits verstärkt, von anderen wurde ich angestachelt. Ich habe dann ein Schreiben vorbereitet – ein Ausstiegsszenario – „ich hatte die ganze Zeit kritisiert, dass ihr so autoritär seid, ihr wolltet mir einen Maulkorb verpassen bei Pressemitteilungen, ihr habt euer Wahlprogramm von einer Person schreiben lassen, obwohl ihr sagt, ihr seid basisdemokratisch, ihr habt eure Liste nach einer intriganten Anfechtung durchgedrückt und jetzt reicht´s mir. Ihr wolltet mich instrumentalisieren – jetzt bin ich drin – gucken wir mal, wer hier wen instrumentalisiert!“ Und ich war ja auch nicht die Einzige. Auch die Listenkandidatin auf Platz zwei wollte nicht in die Fraktion, hatte ähnliche Gründe. Wir verfassten den Brief gemeinsam.

Und ich weiß: Das macht man nicht! Man fährt nicht auf dem Mandat und die Leute sehen nur von außen, wer man ist und beurteilen Integrität auch nur von außen. Ich habe nur meine Innensicht. Und aus meiner Innensicht heraus, musste ich für mich loyal bleiben – mehr den Inhalten und Idealen gegenüber als vielleicht den Menschen. Und das ist meine Entscheidung gewesen, und deshalb ist das so passiert. Dass mich dabei andere Leute manipuliert haben und aus meiner Entscheidung Profit oder Genugtuung gezogen haben, ist im Rückblick leider auch passiert. Auf jeden Fall habe ich für mich dann andere Kriterien aufgestellt wie Idealismus und Integrität funktionieren und habe super viele weitere Sachen zum Beispiel in der Flüchtlingshilfe gemacht, die mir bewiesen haben, ich bleibe meinen Idealen treu. Ob das von außen so wahrgenommen wurde oder nicht, kann ich nicht sagen. Man muss sich davon freimachen, dass die Außenwahrnehmung die eigene Identität überformt.

Glaubst du, mit deiner Kunst politisch etwas bewegen zu können?

Ich denke viel über die Projektionsfläche Künstlerin nach – an diese Rolle sind ja auch viele Konventionen und Erwartungen geknüpft, als Heilsbringer, als Genie, aber als Frau wieder schwierig, weil da ist man ja eigentliche eher Muse als Genie. Also stehe ich da auch wieder in Rollenkonflikten. Wenn man als Künstlerin Politik macht, dann ästhetisiert man ein Problem – vielleicht kann man damit Leute zum Nachdenken bringen oder zu irgendwas inspirieren, aber ich glaube nicht, dass Kunst großes Potenzial hat, politische Veränderungen hervorzubringen. Das reicht mir nicht, denn ich möchte wirklich etwas bewegen – trotzdem brauche ich die Kunst als Ventil.

Was machst du noch beruflich?

Ich leite eine Kunstwerkstatt für Menschen mit geistiger Behinderung. Ich bin da mit Menschen zusammen, die Kunst machen und vor allem über ihre Kompetenzen wahrgenommen werden und nicht über ihre Defizite. Wir arbeiten dort quasi anarchistisch – nämlich möglichst hierarchiefrei in der Gruppe. Wir malen zusammen, jeder guckt, was er einbringen kann, es gibt nur Dinge, die man kann und nichts, was man nicht kann – wir haben Spaß und Freude am Tun. Im Prinzip geh ich zur Arbeit und hab nicht das Gefühl zu arbeiten. Für mich bringt diese Arbeit eine unglaubliche Entspannung. Die Menschen dort sind häufig sehr empathisch und rücksichtsvoll, da sie ja die meiste Zeit ihres Lebens in Wohngruppen wohnen und Kooperation in der Gemeinschaft gewohnt sind.

Ich bereite gerade eine Ausstellung vor, die jetzt im Mai sein wird. Da geht es darum „Wie gucken Leute auf Kunst von Menschen mit Behinderung?“ Mich interessiert bei allem, was ich tue, welche Konventionen es gibt. Wir haben auch schon gemischt ausgestellt – von Künstlern mit und ohne Behinderung und nicht dazu gesagt, welche Bilder von wem sind. Da hatte ich sehr viel Spaß dran. Einige Besucher sind auf die verrückten Collagen und Bilder total abgefahren.

Wo bist du geboren?

In Essen. Mein Vater ist Spanier und in den 60-ern hierher eingewandert. Meine Mutter wurde als Tochter meines holländischen Großvaters in Essen geboren. Ich komme mütterlicherseits aus einer großen Arbeiterfamilie. Mein holländischer Opa hatte acht Geschwister, seine Brüder haben alle bei Wisthoff, einer Glasfabrik in Essen-Steele gearbeitet. Mein Vater hat sich hier hochgearbeitet, war 30 Jahre Krupp-Angestellter im Export – er legt sehr viel Wert darauf, kein Gastarbeiter gewesen zu sein.

Ich habe ganz kurze Zeit als Kind in Spanien gelebt, habe mal im Schwarzwald und in Recklinghausen gewohnt, aber bin seit ich 14 bin dauerhaft in Essen.

Hast du noch eine Verbindung zu Barcelona?

Ja. Zur Familie meines Vaters natürlich. Meine Schwester ist außerdem kürzlich nach Katalonien quasi zurück ausgewandert. Und ich habe dort eine Galerie, in der ich ab und zu ausstelle. Dort ist man sehr wohlwollend und gegenüber meiner politischen Aktivität aufgeschlossen. Mein Urgroßonkel hieß Jujol. Hier kennt niemand den Namen, aber in Katalonien und in komischerweise in Japan, kennt ihn jeder, als den Juniorpartner von Gaudí, der beispielsweise die Mosaikbänke im Parque Guell gestaltet hat. Es amüsiert mich, aber freut mich auch, dass ich mit seinem Werk in Verbindung gebracht werde.

Was hält dich im Ruhrgebiet?

Auf der einen Seite spiele ich gerne mit Konventionen und gehe an meine persönlichen Schmerzgrenzen mit solchen Erfahrungen, auf der anderen Seite habe ich aber, was Orte betrifft und auch meine Partnerschaft, Enklaven, in denen ich super treu bin. Essen, die Umgebung, unser Garten, das gibt mir Sicherheit. Ich kann auch aus unserer Wohnung nicht ausziehen, auch wenn wir schon über eine räumliche Veränderung nachgedacht haben. An den Orten hängen Erinnerungen, wie Spaziergänge mit meinem Opa an der Ruhr, so etwas gibt mir Geborgenheit. Ich verbinde persönliche Gefühle sehr stark mit Orten.

Wenn das Leben ein Comic wäre, welche Figur wärst du und warum?

Doña Urraca. Das ist eine spanische Comicfigur aus den 30ern. Mein Vater wollte Comiczeichner werde, das war aber trotz zeichnerischer Begabung unmöglich für ihn, aber er hat mich schon als Kleinkind mit den spanischen Comics vertraut gemacht. Das ist eine tragische Figur mit bösartigem Humor – eine alte Oma – ich bin ja auch nicht mehr die Jüngste. Sie trägt schwarz, hat schwarze Haare und einen Dutt, legt sich mit ihrem Regenschirm mit jedem an, bekommt am Ende selbst oft eins auf die Nase.